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Carmen-Maja Antoni: „Ich bin gar kein Fan davon, wie sich der Prenzlauer Berg entwickelt hat“

Sie war eine der profiliertesten Charakterdarstellerinnen der DDR, sie hat alle großen Brecht-Rollen gespielt und ist besonders dem Berliner Ensemble eng verbunden: Carmen-Maja Antoni.

Verbunden ist die 80-jährige Berlinerin auch ihrer Heimatstadt, wenngleich diese ihr mittlerweile so einiges abfordert. Antoni hat Berlin nach dem Krieg erlebt, in der Zeit der Teilung und auch die vielen Jahre danach. Die Stadt hat sie geprägt – und umgekehrt.

Wie sie nach der Wende um ihr Herzenstheater kämpfte, warum sie immer nur ein paar Straßen weiter umzog und inzwischen ganz schön genervt ist von ihrem Kiez – das alles hat uns Carmen-Maja Antoni im Fragebogen erzählt. Als Schauspielerin ist sie immer noch viel beschäftigt, derzeit kann man sie in der ZDF-Comedy-Serie „Merz gegen Merz“ sehen – als Mutter der Hauptfigur Erik Merz, gespielt von Christoph Maria Herbst.

1. Frau Antoni, Sie sind im August 1945 in Berlin zur Welt gekommen. Was sind Ihre frühesten Kindheitserinnerungen an die vom Krieg zerstörte Stadt?

Die prägendste Erinnerung aus dieser Zeit ist der Hunger. In meinen ersten Lebensjahren war es das beherrschende Thema: Woher bekommen wir etwas zu essen, wie bekommen wir diesen Hunger weg? Ab 1950 wurde es dann besser.

2. Sie sind in einer Reihenhaussiedlung in Adlershof aufgewachsen und haben schon sehr früh fürs Fernsehen gearbeitet, um die Familie zu ernähren. Kann man da überhaupt von Kindheit sprechen?

Ja, klar. Ich habe ja etwas getan, was mir Spaß machte. Und dafür habe ich Geld bekommen. Besser geht es doch gar nicht. Das Fernsehen war die beste Schule für meinen späteren Beruf am Theater. Es disziplinierte, man musste vorbereitet sein und sollte sich möglichst nicht versprechen, schließlich waren wir meistens live auf Sendung.

3. Sie sind im Laufe Ihrer Karriere im Hans-Otto-Theater, der Volksbühne und dem berühmten Berliner Ensemble aufgetreten. Welcher Bühnenmoment hat sich Ihnen besonders eingeprägt?

Eigentlich alle – das Theater an sich. Ich hatte alle großen Brecht-Rollen, von Mutter Courage bis zur Grusche. Ich habe Helene Weigel getroffen, mit Benno Besson und Claus Peymann gearbeitet, das ist fantastisch. Sehr besonders war natürlich meine Abschiedsaufführung am BE. Das Publikum schenkte mir eine halbe Stunde Standing Ovations. Diese Anerkennung von den Zuschauern zu bekommen, das hat mich sehr glücklich gemacht.

ZUR PERSON

Jordis Antonia Schlösser/ Ostkreuz

ZUR PERSON

Carmen-Maja Antoni wurde noch während ihrer Schauspielausbildung in Potsdam engagiert. 1970 ging sie zu Benno Besson an die Volksbühne und 1976 zu Ruth Berghaus ans Berliner Ensemble. Unter der Intendanz von Claus Peymann stieg sie ein zweites Mal zur Protagonistin des Hauses auf.

In Film und Fernsehen trat sie in unzähligen kleinen, immer prägnanten, aber auch in tragenden Rollen auf. Sie spielte fast 20 Jahre an der Seite von Iris Berben in der TV-Serie „Rosa Roth“, die Schwester des Dorfpolizisten Horst Krause und im Mehrteiler „Der Laden“ die patente Großmutter. „Merz gegen Merz: Entscheidungen“ ist schon online streambar, am 20. August um 20.15 Uhr läuft der Film dann im ZDF.

4. In einem ARD-Porträt aus Anlass Ihres 80. Geburtstags heißt es über Sie, Sie hätten das – wenngleich unausweichliche – Ende der DDR nicht herbeigesehnt. Wie fühlten Sie sich in den ersten Jahren nach dem Mauerfall in der wiedervereinten Stadt?

Also so würde ich das überhaupt nicht formulieren. Es war doch klar, dass es mit der DDR so nicht weitergehen konnte. Ich war am 4. November 1989 auch auf der Straße, ich wollte die Veränderung, war für Presse- und Reisefreiheit. Als Ensemblemitglied des BE hatte ich ja die Möglichkeit, Gastspielreisen in westliche Länder zu unternehmen. Diese Möglichkeit wünschte ich allen Menschen.

Die ersten Jahre nach der Wende waren in Berlin insofern ziemlich ernüchternd, als dass die Theater plötzlich leer blieben. Die Leute hatten andere Interessen, sie konsumierten, kauften Dinge, viele übernahmen sich. Gleichzeitig waren die Sorgen groß, denn alles hatte sich verändert: Kann ich mir die Miete noch leisten, wie verdiene ich meinen Lebensunterhalt? Diese Sorgen plagten auch mich. Es war nicht klar, wie es am Theater weitergehen würde, das Berliner Ensemble kämpfte ums Überleben – und wir kämpften mit.

5. Wie blicken Sie heute, fast 37 Jahre nach der Wende, auf die Ost-West-Debatte, wie sie aktuell geführt wird?

Ich unterhalte mich sehr oft mit jungen Menschen, mit Studenten an der Ernst Busch zum Beispiel. Ich will wissen, was sie denken, will nach vorne schauen und nicht zurück. Die DDR ist Geschichte und man will sie doch nicht zurückhaben. Ostalgie ist so gar nicht mein Ding. Man kann das gern als Hobby betreiben, aber das sollte es dann auch gewesen sein. Mich ärgert es auch, wenn ich als Ost-Schauspielerin bezeichnet werde. Ich meine, gibt es auch Süd-Schauspielerinnen? Ich habe länger in der Bundesrepublik als in der DDR Theater gespielt, also wenn schon, dann bin ich ja wohl eine West-Schauspielerin!

6. Gewohnt haben Sie aber immer im Ostteil der Stadt, in Prenzlauer Berg. Wie kam es dazu?

Ich habe nie woanders gelebt als in Berlin. Hier habe ich gearbeitet, hier waren meine Bühnen. Wo sonst sollte ich also hin? In Prenzlauer Berg ist mein gesamtes Umfeld: Freunde, die Orte meiner Familie, die Läden und die Bäcker, die ich kannte. Also bin ich zwar fünfmal umgezogen, aber immer nur ein paar Straßen weiter.

7. Prenzlauer Berg hat sich sehr verändert in den letzten Jahrzehnten. Wie gefällt Ihnen das?

Ich bin gar kein Fan davon, wie sich der Prenzlauer Berg entwickelt hat. Durch die steigenden Mieten gehen die Alteingesessenen, die Zugezogenen klagen die Bars und Restaurants weg, weil es ihnen zu laut ist. Es gibt kaum noch alte Menschen auf der Straße, und immer mehr Läden müssen schließen. An der Schönhauser Allee, wo ich wohne, ist es besonders schlimm. Alles ist eine riesige Baustelle und ein einziges Verkehrschaos. Ich prophezeie mal, in zwei Jahren sind wir hier tot, dann gibt es nur noch Häuser, in denen irgendjemand wohnt.

Die Gaststätten sind am schlimmsten dran. Was neben den hohen Gewerbemieten auch daran liegt, dass man nirgendwo mehr parken kann. Ich habe auch schon Strafzettel bekommen, weil ich länger als drei Minuten irgendwo gestanden habe. Es können nun mal nicht alle Menschen E-Roller fahren oder Fahrrad. An der Schönhauser gibt es neue Radwege, aber die Radfahrer fahren trotzdem auf dem Gehweg und überall, wo sie wollen. Das ist doch kein Zustand. Naja, man hat sehr viel auszusetzen im Moment an der Stadt. Merkwürdigerweise. Obwohl ich sie doch eigentlich liebe.

Die Stadt wird aggressiver, findet Carmen-Maja Antoni.

Die Stadt wird aggressiver, findet Carmen-Maja Antoni.

© Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

8. Was nervt Sie am meisten?

Die vielen Baustellen. Überall sieht man rot-weiße Absperrungen, aber nichts verändert sich. Ob Montag, Dienstag oder Freitag, nie arbeitet jemand, alles bleibt einfach so stehen. So etwas kennt man wirklich in keinem anderen Land. Dass man es nicht schafft, innerhalb von Stunden oder Tagen mal ein Loch auf der Straße auszubessern. Das verursacht Unmut und macht alle Teilnehmer im Straßenverkehr aggressiv. Die Stadt wird aggressiver, würde ich sagen. Und das ist schade. Schlecht für jedes Viertel.

9. Und was lieben Sie an der Stadt?

Die ganzen Events, die es gibt, die Ausstellungen und Museen, das Kulturangebot, die Berlinale – all das ist natürlich toll. Und dass wir Sommer haben, man draußen sitzen kann, die Menschen sich treffen und miteinander reden. Ich finde, nach jedem überstandenen Winter wird man in dieser Stadt wieder mutig, optimistisch und sagt sich: Das wird schon.

10. Gibt es ein Restaurant, in dem Sie besonders gerne reservieren?Ich mag italienische Restaurants. In Pankow gibt es einen Italiener, da kann man sehr schön draußen sitzen. Man guckt auf eine große Wiese und denkt, man ist gar nicht mehr in der Stadt. Ortskundige werden wissen, welchen Ort ich meine.

11. Ihre persönliche No-Go-Area?

Den Kudamm finde ich enttäuschend. Man läuft elendig lang, aber die ganzen Highlights sind eigentlich verschwunden. Alles wird zugebaut und die Geschäfte sind unglaublich elitär und teuer. Es gibt Gegenden, die erzählen mir einfach nichts. Und da muss ich ja dann nicht hin.

12. Der beste Stadtteil Berlins – und der schlimmste?

Naja, der schlimmste wird wohl bald Prenzlauer Berg sein. Dabei war es mal so ein toller, interessanter Stadtteil. Jetzt wird alles mit gläsernen Gebäuden zugebaut und jede Lücke, in der eine Parkbank stand, ist weg. Andererseits gibt es wunderschöne Gegenden wie den Treptower Park, wo man Wasser hat und viel Grün. Das ist eben auch Berlin. Und Brücken – ich liebe Brücken und mache gerne diese Brückenfahrten, bei denen man die Stadt vom Wasser aus sieht. Man entdeckt immer noch was Neues.

13. Wie sieht Ihr perfektes Berlin-Wochenende aus – vom ersten Kaffee am Morgen bis zum letzten Drink in der Nacht?

Erstmal Brötchen holen oder Croissants, und dann zu Hause bei geöffneten Fenstern richtig schön lange frühstücken. Dann auf dem Balkon die Blümchen gießen und einen Plan für den Tag machen. Ich habe ja eine Enkeltochter, die gerne viel unternehmen möchte. Wir suchen den besten Spielplatz – das ist auch so ein Thema in Berlin: Man fährt eine halbe Stunde mit dem Auto, um einen Spielplatz zu finden, auf dem nichts passieren kann.

Ein Kinobesuch muss auch sein, mit einer großen Tüte Popcorn für das Kind. Am Samstag und am Sonntag gleich nochmal. Oder wir gehen ins Puppentheater, meine Tochter sucht da immer großartige Sachen raus. Berlin hat ja so tolle Angebote, da kann man echt nichts sagen. Ob man ins Spionagemuseum geht, ins Deutschlandmuseum oder ins Legoland. Jedes Wochenende kannst du dir was anderes rauspicken.

Und wenn ich Berlin gar nicht mehr aushalte, fahre ich an die Ostsee. Seit ein paar Jahren habe ich ein Häuschen auf Usedom. Das ist mein Fluchtpunkt – und den braucht man auch.

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