everyschematic.com

Buch über Frauenfreundschaften: Geschichten, die wir uns über Freundschaft erzählen

Was passiert, wenn Freundschaften enden? Die Historikerin Tiffany Watt Smith schreibt originell über begleitende Scham, Zweifel und Verletzlichkeit.

Zwei Frauen Arm in Arm auf einem Berg
Zum Mythos geronnen: demonstrative Frauenfreundschaft

Foto: Jena Ardel/Moment RF/getty images

Verena Harzer

Was eigentlich ihr Problem sei, fragte sich die britische Historikerin Tiffany Watt Smith in ihrem Buch „Gute Freundin, schlechte Freundin“. Gerade hatte sie T-Shirts ihrer Tochter tief unten im Wäschekorb versteckt. Und zwar jene, auf denen in pinkfarbener Glitzerschrift, von Herzchen umrandet, „Best Friends Forever“ oder „Girlfriends!“ prangt. T-Shirts, die das Glück feiern, eine beste Freundin zu haben. Oder zu sein.

Ein Glück, das Watt Smith zu dieser Zeit verwehrt blieb: Ihre langjährige beste Freundin zog sich immer mehr zurück, Watt Smith fühlte sich in ihrer Gegenwart zunehmend unsicher. Der Begriff „beste Freundin“ war für sie plötzlich vor allem mit einem Gefühl verbunden: Scham. Dabei war es weniger das Ende der Freundschaft, das sie beschämte, als die Vorstellung, als Freundin versagt zu haben.

Über dieses Schamgefühl hat Watt Smith ein Buch geschrieben: „Gute Freundin, schlechte Freundin“, 2025 in Englisch und nun auch in deutscher Übersetzung erschienen, ist eine wilde und lustvolle Mischung aus autobiografischen Skizzen, historischen Ausflügen und gegenwärtigen Beobachtungen – und eine ebenso kluge wie unterhaltsame Entzauberung des Mythos „Frauenfreundschaft“. Watt Smith gelingt es, die eigene Scham produktiv zu machen: Sie wird zum Forschungsantrieb, zum roten Faden.

Das Buch

Tiffany Watt Smith: „Gute Freundin, schlechte Freundin. Ein Jahrhundert weiblicher Freundschaft“. Aus dem Englischen von Kristin Lohmann. Hanser Berlin, Berlin 2026, 384 Seiten, 26 Euro

Dass sie dabei bisweilen stillschweigend voraussetzt, ihre Leserin lebe ähnlich wie sie selbst – neugierig, sozial erfolgreich, mit einem ungewöhnlich intensiv gelebten Leben – mag man ihr kaum verdenken. Doch wer das nicht von sich behaupten kann, ertappt sich gelegentlich dabei, mehr Zuschauerin als Gesprächspartnerin zu sein.

Langjährige Schamforschung

Watt Smith ist Gefühlshistorikerin und Emotionsforscherin, ihr Spezialgebiet: Scham im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Erwartungen. Seit fast zwanzig Jahren lehrt und schreibt sie darüber, welche Geschichten über Gefühle erzählt werden, welche unrealistischen Erwartungen sie auslösen und wie dadurch Schamgefühle entstehen.

Kein Wunder also, dass sie ihre Freundinnen-Scham nicht als privates Problem verstand, sondern als Forschungsauftrag. Also macht sie sich auf in die Archive und sammelt alles, was sie über Frauenfreundschaften finden kann. Sie liest Liebesbriefe, Ratgeber, Zeitungsartikel, soziale Studien, philosophische Abhandlungen und Romane, sieht sich Filme und Bilddokumente an, spricht mit anderen Frauen, experimentiert mit KI und taucht tief in ihre eigenen Freundschaftserfahrungen ein.

Um ihr umfangreiches Material zu ordnen, gliedert die Autorin es in drei Kapitel: „Verstrickungen“, „Trennungen“ und „Bündnisse“. Jedes umfasst etwa vier Jahrzehnte zwischen 1900 und der Gegenwart. Eine Chronologie, die eher als loses Gerüst dient, nicht als strenges Ordnungssystem.

Watt Smith’ Methode ist die der assoziativen Spurensuche: Sie tanzt durch die Jahrhunderte, wechselt zwischen Liebesbriefen und Soziologiestudien, zwischen Hollywoodarchiven und mittelalterlichen Stadtprotokollen. Nicht immer folgt sie dabei einer klaren Beweisführung, ihre Deutungen sind manchmal spekulativ, ihre Verbindungen weit gespannt. Doch gerade diese Freiheit macht den Reiz des Buches aus. Was dabei sichtbar wird, ist ein durchgehendes Muster: Frauenfreundschaften waren nie nur privat.

Das eigene Netzwerk verleugnen

Sie wurden geformt, begrenzt und instrumentalisiert: Durch die aufkommende Homophobie des frühen 20. Jahrhunderts, die Sexualität und Freundschaft sauber voneinander trennte. Durch Ratgeber, die der arbeitenden Frau vorschrieben, wie sie sich zu befreunden hatte. Durch eine Filmbranche, in der auch Dorothy Arzner – eine der wenigen Regisseurinnen im Hollywood der 1930er Jahre – ihr eigenes Frauennetzwerk verleugnen musste, um als Künstlerin ernst genommen zu werden.

Besonders deutlich wird diese gesellschaftliche Formung an den Frauennetzwerken, die Watt Smith durch die Jahrhunderte verfolgt. In ihnen vermischt sich seit jeher bedingungslose und berechnende Freundschaft. Watt Smith entdeckt sie im mittelalterlichen Paris als Überlebensstrategie alleinstehender Frauen, findet sie in den 1960er Jahren, als Frauen sich verbünden, um Kindererziehung und Selbstverwirklichung zu vereinbaren, und im Hier und Jetzt, wenn ältere Frauen Co-Housing-Projekte gründen.

Auf Plattformen wie Instagram oder Tiktok erscheinen Freundschaften als perfekt kuratierte Nähe

Genau diese historisch gewachsenen Erzählungen prägen, so Watt Smith’ Argument, bis heute, was wir von Frauenfreundschaften erwarten – und wie wir scheitern. Auf Plattformen wie Instagram oder Tiktok erscheinen sie als perfekt kuratierte Nähe: gemeinsame Urlaube, identische Outfits, ritualisierte Selfies. Populäre Serien wie „Friends“ oder „Sex and the City“ haben dieses Bild emotional aufgeladen und als Lebensmodell etabliert.

Widersprüche, Konkurrenz oder Distanz passen nicht in diese Erzählungen – und werden deshalb als persönliches Versagen erlebt, nicht als strukturelles Problem. Genau hier setzt Watt Smith’ kulturhistorischer Blick an.

Nicht die Freundschaften sind das Problem

Vielleicht müssen die glitzernden „Best Friends Forever“-T-Shirts gar nicht im Wäschekorb verschwinden. Watt Smith zeigt überzeugend, dass nicht die Freundschaften das Problem sind, sondern die Geschichten, die über sie erzählt werden.

Dass auch ihr eigenes Buch eine solche Geschichte ist – erzählt aus dem Leben einer Londoner Akademikerin, die sich in Theaterwelten bewegt, Kinder großzieht und trotzdem immer wieder neue, intensive Freundschaften eingeht – merkt man bisweilen. Doch das schmälert den Erkenntnisgewinn kaum. Watt Smith schreibt über Scham, Zweifel und Verletzlichkeit mit so viel Neugier und Originalität, dass ihr Buch auch dann lohnt, wenn sich nicht jede Leserin in diesem Leben wiederfindet.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community!

Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

Hiroko Oyamada

Roman aus Japan „Die Fabrik“

Den Waldgeist bitte ignorieren

Hiroko Oyamada beschreibt Arbeit als totalen Zustand in „Die Fabrik“. Was genau dort produziert wird, bleibt ebenso unklar wie der Sinn der Tätigkeiten.

Von Verena Harzer

Eine junge schwangere Frau in kurzen Jeans-Hosen steht vor dem Spiegel und macht ein Selfie von sich

Neue Romane über Mutterschaft

Die Überforderung ist total

Zwei aktuelle Romane beweisen, dass das Thema Mutterschaft noch lange nicht erschöpft ist: Antonia Baums „Achte Woche“ und Claire Kilroys „Kinderspiel“.

Von Verena Harzer

eine geballte Faust in rot vor blauem Hintergrund

Buch über den Pelicot-Prozess

Diskutieren ohne Männer

Bei der Buchpremiere von „Mit Männern leben“ über den Pelicot-Prozess wurde deutlich: Sexuelle Gewalt empört vor allem Frauen.

Von Verena Harzer

Produkt-Arrangement bestehend aus dem bunt gemusterten „feministaz“-Halstuch, einer gedruckten taz-Sonderausgabe und einem Smartphone, das die digitale taz-Titelseite mit einer lila Faust zeigt.

10 Wochen taz testen + feministisches Halstuch

Feminismus steht allen gut! Jederzeit. Überall.

Gerade jetzt ist die Sichtbarkeit solidarischer Stimmen wichtiger denn je – für Frauen und FLINTA* weltweit. Teste die taz jetzt und erhalten unser neues feministisches Halstuch als Prämie dazu.

taz zur Probe + Tuch für nur 29 Euro

Jetzt bestellen

0 Kommentare