AUDIO: Warum Jena-Winzerla bessere Orientierung für Ältere braucht (2 Min)
Leben im Alter
Stand: 11.07.2026 14:15 Uhr
Viele Menschen in Winzerla möchten ihren Lebensabend im vertrauten Viertel verbringen. An Ärzten, Pflegediensten und Hilfsangeboten mangelt es nicht. Doch eine Analyse von Stadt Jena und dem Unternehmen Jenawohnen zeigt: Oft fehlt den Senioren der Überblick. Das soll sich nun ändern.
von Olaf Nenninger, MDR THÜRINGEN
Wer heute durch Winzerla spaziert, sieht längst nicht mehr nur Plattenbauten. Zwischen den Häusern sind die Bäume groß geworden, Grünflächen prägen das Bild. Viele Menschen leben seit Jahrzehnten hier. Genau hier möchten sie auch alt werden.
Von der Plattenbausiedlung zur Heimat
Der in Nordrhein-Westfalen geborene Ludwig Blankenhahn zog vor 32 Jahren beruflich nach Jena. Und landete in Winzerla. Was zunächst nach trister Plattenbausiedlung aussah, wurde für ihn zur Heimat.
Wir haben Physiotherapeuten, Ärzte, Zahnarzt, Apotheken. Man kann sich noch relativ lange selber helfen.
Ludwig Blankenhahn, Anwohner
Kurze Wege, Einkaufsmöglichkeiten, medizinische Versorgung, Straßenbahn und viel Natur direkt vor der Haustür hätten den Ausschlag gegeben. "Wir haben Physiotherapeuten, Ärzte, Zahnarzt, Apotheken. Man kann sich noch relativ lange selber helfen", sagt der 66-Jährige. Deshalb denke er "mit guten Perspektiven ans Alter".
Ludwig Blankenhahn zog vor 32 Jahren beruflich nach Jena. Er will im Stadtteil Winzerla bleiben.
Ein Stadtteil wird immer älter
Mit diesem Wunsch ist er nicht allein. Nach einer gemeinsamen Quartiersanalyse von Stadt Jena und Jenawohnen gehört Winzerla schon heute zu den ältesten Stadtteilen der Saalestadt. 27,2 Prozent der rund 14.300 Einwohner sind älter als 64 Jahre.
Bis 2030 dürfte Winzerla sogar den höchsten Altersdurchschnitt Jenas haben. Gleichzeitig ist mehr als jeder zweite Haushalt ein Single-Haushalt. Viele Bewohner sind verwitwet oder auf sich gestellt, fast ein Drittel wohnt seit mindestens 20 Jahren im Stadtteil.
Hilfsangebote gibt es, doch viele kennen sie nicht
Trotzdem kommt die Analyse zu einem überraschenden Ergebnis: Es fehlt weniger an Angeboten als an Orientierung. Pflegedienste, Beratungsstellen, Stadtteilvereine, Ehrenamtliche und Nachbarschaftshilfen seien bereits vorhanden. Vielen Menschen sei jedoch nicht bekannt, an wen sie sich wenden können, wenn plötzlich Pflege nötig oder Unterstützung im Alltag gebraucht wird.
Antje David, Leiterin des Sozialmanagements bei Jenawohnen, sagt, die Menschen wüssten teilweise nicht, an wen sie sich wenden sollen.
"Die Menschen wissen teilweise gar nicht, an wen sie sich wenden sollen", sagt Antje David, Leiterin des Sozialmanagements bei Jenawohnen. Dabei gehe es nicht nur um Pflege, sondern auch um Einkaufsdienste oder Hilfe für Angehörige. Eine gemeinsame Anlaufstelle gebe es bislang nicht.
Eine Anlaufstelle für alles rund ums Älterwerden
Dieser Eindruck spiegelt sich auch auf den Straßen Winzerlas wider. Manche Senioren kennen Erzählcafés, Nähwerkstätten oder Begegnungsangebote aus der Stadtteilzeitung. Andere sagen dagegen: "Wenn man Hilfe braucht, muss man eben selber gucken." Wieder andere verlassen sich vor allem auf Familie oder Nachbarn.
Der Stadtbalkon mit Flößerbrunnen: Winzerla ist grün.
Genau hier wollen Stadt und Wohnungsunternehmen ansetzen. Herzstück der Pläne ist eine Quartierskoordination, die Pflege-, Gesundheits- und Beratungsangebote miteinander vernetzt und für die Menschen sichtbar macht.
Außerdem sollen altersgerechtes Wohnen, Barrierefreiheit, Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliches Engagement weiter gestärkt werden. Die Analyse zeigt nämlich auch: Viele Bewohner wären bereit, sich ein oder zwei Stunden pro Woche ehrenamtlich einzubringen.
Wir wollen den Menschen ermöglichen, so lange wie möglich in ihrem eigenen Quartier zu bleiben.
Kathleen Lützkendorf (Bündnis90/Die Grünen)
Für Sozialdezernentin Kathleen Lützkendorf (Bündnis90/Die Grünen) geht es dabei um weit mehr als Pflege. "Wir wollen den Menschen ermöglichen, so lange wie möglich in ihrem eigenen Quartier zu bleiben", sagt sie. Dazu müssten bestehende Angebote besser zusammenarbeiten und leichter zugänglich werden.
Gut alt werden heißt auch: nicht allein sein
Auch Ludwig Blankenhahn sieht darin großes Potenzial. Viele Hilfen seien bereits vorhanden, sagt er. Man müsse sie nur besser bekannt machen. Eine zentrale Informationstafel oder eine feste Anlaufstelle könnten helfen. Denn gerade ältere Menschen nutzten das Internet oft nur eingeschränkt.
Die Apotheke ist im Dickicht nicht leicht zu finden.
Am Ende, davon ist der Rentner überzeugt, entscheidet nicht allein die medizinische Versorgung darüber, ob man gut alt wird. Es sind auch die Nachbarn, das Gespräch auf der Bank vor dem Haus und das Gefühl, dazuzugehören. Für ihn steht deshalb fest: Wegziehen kommt nicht mehr infrage.
MDR (caf)