Tourreporter
Stand: 23.07.2026 • 21:16 Uhr
Vor den entscheidenden Etappen in den Alpen werden wichtige Helfer von Tadej Pogacar krank. Das könnte das Rennen verändern. Weniger im Kampf um das Gelbe Trikot als für jene, die bei dieser Tour noch einen Erfolg brauchen.
Der Mann im Gelben Trikot hatte keine Hemmungen, den Sieger der 18. Etappe zu umarmen. Tadej Pogacar ergriff auch sonst keine Schutzmaßnahmen. Er trug keine Maske, schüttelte Hände auf und hinter dem Podium und herzte dann eben auch Richard Carapaz, um ihm zu seinem Erfolg in Orcières-Merlette zu gratulieren.
Die größten Gefahren für Pogacar dürften allerdings auch erst abends im Hotel auf ihn gelauert haben. Es ist offensichtlich, dass etwas umgeht in seinem UAE-Team. Die Mannschaft ist gezeichnet von Krankheiten. Nachdem der Brite Adam Yates schon auf der 17. Etappe fast 26 Minuten hinter dem Feld ins Ziel gekommen war, schaffte es der Belgier Tim Wellens in Orcières-Merlette nur knapp innerhalb des Zeitlimits ins Ziel. Der Amerikaner Brandon McNulty kam gar nicht erst bis dorthin. Er war unterwegs geschwächt vom Rad gestiegen und musste aufgeben.
Tim Wellens abgeschlagen beim Finish in Orcières-Merlette
Pogacars Team ist vor Alpe d'Huez geschwächt
Ausgerechnet vor den beiden entscheidenden Etappen in den Alpen mit Ziel in Alpe d'Huez ist Pogacars Team entscheidend geschwächt. Auch wenn der Slowene am Donnerstagabend versuchte, die Sache herunterzuspielen. "Es ist natürlich Mist, Brandon zu verlieren. Er ist ein wertvoller Fahrer", sagte Pogacar. "Aber Adam wird zurückkommen, es geht ihm besser." Yates habe sich auch auf der Etappe erholen können und Wellens brauche man nur zu motivieren, "dann geht er durch all die Schmerzen."
Doch nach Lage der Dinge werden Pogacar am Freitag, wenn es die berühmten Kehren nach Alpe d'Huez hinaufgeht, nur drei Fahrer im Vollbesitz ihrer Kräfte zur Seite stehen können: Nils Politt, Felix Großschartner und Isaac del Toro, den Pogacar so gerne mit aufs Podium in Paris nehmen würde. Bei Florian Vermeersch ist die Lage unklar, auch er war in Orcières-Merlette nur mit dem Gruppetto ins Ziel gekommen.
Voraussetzung ist in jedem Fall, dass die Krankheitserreger im Team nicht weiter um sich greifen. Denn es sind offenbar mehrere, die im UAE-Team umgehen. "Bei Adam ist es der Magen, er musste sich übergeben", sagte der Sportliche Leiter der Mannschaft, Matxin Fernandez. "Bei Brandon ist es ganz anders, er hatte starke Halsschmerzen."
Im Zweifelsfall eher defensiv
Pogacar wird die Dinge im Zweifelsfall auch alleine regeln können. Der Sieg auf dem ikonischen Anstieg nach Alpe d'Huez ist ihm wichtig, doch ohne sein Team wird er einen Erfolg dort nicht mit aller Macht erzwingen, sondern eher defensiv agieren, um sein Gelbes Trikot und den bevorstehenden fünften Toursieg abzusichern. "Wir werden mit dem Flow gehen und wenn wir nach Alpe d'Huez kommen, werden wir sehen, was wir machen können", erklärte Pogacar.
So manch einer mag da ein wenig Hoffnung schöpfen, dass es in den kommendem beiden Tagen doch noch einen anderen Etappensieger geben könnte als den Überflieger aus Slowenien. Gemeinhin galt die 18. Etappe als die letzte Chance für all jene Teams, die noch keinen Tageserfolg zu Buche stehen haben und auch im Gesamtklassement keine Rolle spielen. Obwohl Etappensieger Carapaz später klarstellte, man habe ja auch an diesem Tag nicht gewusst, ob es eine Etappe für die Ausreißergruppe werden würde.
Die Chancen auf Erfolge schwinden
So oder so schwinden die Möglichkeiten für jene, die noch dringend etwas Zählbares mitnehmen wollen von dieser Tour. Etwa das Team Netcompany-Ineos, das mit Egan Bernal und Thymen Arensman in der Ausreißergruppe vetreten war, die aber beide im entscheidenden Moment den Anschluss nicht halten konnten.
Und auch bei Visma-Lease-A-Bike suchen sie noch nach ihrem Glück, nach dem ihr Kapitän Jonas Vingegaard die Tour mit einem Schlüsselbeinbruch hat verlassen müssen. Der Däne hätte in der letzten Tourwoche versuchen sollen, Pogacar herauszufordern. Es sei nicht leicht gewesen, sich danach auf neue Ziele einzustellen, hatte der Sportliche Leiter des Teams, Mark Reef, am Morgen in Voiron der Sportschau erzählt. "Einigen Fahrern fällt das schwerer, anderen leichter", sagte Reef.
Matteo Jorgensen scheint zu jenen Fahrern zu gehören, denen die Umstellung leichter gefallen ist. Er war vorne dabei, als es um die Entscheidung auf der 18. Etappe gegangen war. "Ich habe definitiv dran geglaubt", sagte Jorgenson. "Ich hätte vor dem letzten Anstieg alleine wegkommen müssen, aber ich habe keine Möglichkeit gefunden." Am Ende habe er nicht mehr viel in den Beinen gehabt, erklärte der US-Amerikaner, der die Etappe als Dritter beendete. "Ich war nicht stark genug."
Nicht stark genug, um dem explosiven Carapaz auf den letzten Kilometern zu folgen. Der Ecuadorianer hatte es in den vergangenen drei Wochen immer wieder vergeblich versucht, und nun eine der letzten - vielleicht sogar die letzte Gelegenheit ergriffen. "Letztendlich war heute eben einer dieser Tage, an denen man die Kraft in den Beinen, den Kopf, einfach alles zusammen haben muss, um es zu schaffen." Den anderen bleiben noch zwei Tage in den Alpen und die Schlussetappe in Paris, um genau das zu erleben. Vorausgesetzt Tadej Pogacar und die Podiumskandidaten lassen es zu.