Debatte
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Weiße Flagge, klare Kante: Kommt der Pazifismus in Deutschland wieder aus der Deckung?
Wer die Aufrüstung kritisierte, galt zuletzt als naiv oder als Putin-Versteher. Doch nach Alice Schwarzer melden sich nun auch Ilija Trojanow und Mithu Sanyal kritisch zu Wort. Warum werden plötzlich so viele friedensliebende Stimmen laut?
Von
17.07.2026
Immer mehr Intellektuelle in Deutschland schwenken die weiße Flagge
Collage: der Freitag, Material: KI-Bilder
Eine verquere Welt: Früher hätte man in Deutschland kein Wort über Aufrüstung verlieren dürfen. Sogleich wäre der entschiedene Einwurf gekommen: Deutsche Geschichte!
Seit Beginn des Ukraine-Krieges, wo ja auch unsere Freiheit, so das gängige Narrativ, verteidigt würde, hat sich die Diskurslage um 180 Grad gedreht. Wer in den vergangenen Jahren gegen die massive Aufrüstung argumentierte, wurde entweder als spinnerter Romantiker oder Putin-Versteher geframt. Das musste auch Alice Schwarzer erfahren, die sich freilich nicht beirren lässt.
Die Befürworter:innen der Remilitarisierung kanzelten die Pazifist:innen unserer Tage, die sich weit über Parteigrenzen hinweg versammeln, direkt von der historischen Friedensbewegung ab. Albert Schweitzers Manifest „Die Ehrfurcht vor dem Leben“ oder Mahatma Gandhis Idee eines passiven Widerstands – alles passé. Nur wann gilt denn Pazifismus denjenigen, die immer mehr Waffen fordern, als genehm und legitim, wenn er schon im Moment seiner Erwähnung veraltet erscheinen soll?
Aufrüstungspolitik in der Kritik: Warum Putins Bedrohung ausblieb
Nachdem sich der Konflikt im Osten Europas nun zu einem üblen Abnutzungskampf entwickelt hat und sich jahrelang täglich aufs Neue verbreitete Erzählungen von angeblichen Vorteilen und Landgewinnen der Ukraine kaum evident belegen lassen, ja, sich teilweise ideologisch anmutende Hoffnungsberichterstattung aufs Peinlichste wiederholt, gerät die bisherige Kriegspolitik mehr und mehr in die Kritik.
Das Handeln der deutschen Regierungen basierte bislang auf dem Prinzip der Abschreckung durch Aufrüstung, das man vor allem mit Schreckensvisionen begründete: Der russische Präsident würde in Windeseile Moldawien einnehmen, würde beginnen, gezielt und mit merklicher Stärke NATO-Territorium zu bombardieren. Davon ist nichts eingetreten, entgegen der unzähligen Putin-Versteher:innen, die uns allenthalben bei Lanz, Illner & Co. die Welt erklären.
Sukzessive melden sich daher inzwischen namhafte Intellektuelle zu Wort. Neulich erst stellte der Schriftsteller Ilija Trojanow sein gemeinsam mit dem Fotografen Christian Muhrbeck erstelltes, luzides Buch Wo Europa endet, und immer wieder beginnt auf dem Hausacher Leselenz vor, wo er die hochgefahrene Produktion von Waffen und die damit einhergehende Rekordverschuldung infrage stellte. Lägen diese erst einmal in großer Stückzahl vor, würden sie irgendwann auch eingesetzt werden. Ferner sei völlig intransparent, wofür die hunderte Milliarden überhaupt eingesetzt würden, so der Autor.
Mithu Sanyal warnt: Militarisierung bedroht linkes Denken
Hauptsächlich zur Verteidigung? Oder doch auch für Offensivoperationen? Und wieso gelingt es uns nur begrenzt, auf die Cyberangriffe Putins, also die asymmetrischen Angriffe, zu reagieren? Auch andere Schriftsteller:innen erheben auf dem buchstäblich verminten Diskursgelände die Stimme.
Mithu Sanyal publiziert etwa im Herbst ein Buch mit dem Titel Nein. Gegen die Militarisierung der Gegenwart. Empört nimmt sie in ihrem Essay offenbar zur Kenntnis, dass linkes Denken sich von seiner Maxime der Gewaltfreiheit entfernt habe. Wir sollten uns, so der Ankündigungstext des Verlags, „Sorgen um die Grundlagen unseres Miteinanders machen“, wenn wir Pazifismus als verantwortungslos begreifen würden.
Der sich mehrende Zweifel ist gut und richtig und notwendig. Er führt uns letztlich vor Augen, dass nicht das Unterlassen von Tötungen, sondern deren Vollzug ethisch begründungspflichtig ist. Denn dass Tausende mittlerweile für einen angeblich höheren Zweck gestorben sind, der sich noch immer nicht eingelöst hat, muss uns verstärkt beschäftigen. Kriege sind kein abstrakter Konflikt um Autonomie oder territoriale Integrität. Sie fordern Leben. Was ist Freiheit ohne Leben überhaupt wert?