Stand: 13.07.2026, 20:38 Uhr
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Wolfgang Otto und Ursel Wagner von AKUSO präsentieren zusammen mit Verleger Herbert Wittl den Fotoband von Herbert Baumgärtner (v.l.) © Stefan AignerMit 488 Fotografien von Herbert Baumgärtner erzählt „WAA NIE! “ die Geschichte des Widerstands gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf.
Regensburg – Um seine Filme vor der Polizei zu retten, schlüpfte der Fotograf Herbert Baumgärtner manchmal in Frauenkleider. Manchmal ließ er die Beamten absichtlich auf leere Filmrollen hereinfallen. Doch oft genug nahmen sie ihm Kamera und Filmdosen ab, rissen die Filme mit einem lauten „Ratsch“ heraus und zerstörten unwiederbringlich die Bilder des Tages.
488 eindrucksvolle Bilder von Gewalt und Widerstand
Trotz aller Hindernisse entstanden über 2.500 Aufnahmen, die den zähen und letztlich erfolgreichen Protest dokumentieren. Die 488 eindrucksvollsten Bilder sind nun, 40 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl, in einem Bildband der Edition Bunte Hunde erschienen.
Tschernobyl hatte den Protesten in Wackersdorf zusätzlichen Auftrieb gegeben, gerade als das dortige Hüttendorf geräumt wurde.
Für Strauß waren die Proteste „das Werk des Teufels“
Die Fotos zeigen den Beginn des Baus und den wachsenden Widerstand, der von linksautonomen Gruppen bis zu christlich-konservativen Kreisen reichte. Sie dokumentieren aber auch die brutale Gewalt, mit der Ministerpräsident Franz Josef Strauß gegen die eigene Bevölkerung vorging.
Zäune, Stacheldraht, Gummiknüppel, Wasserwerfer, Tränengas. Polizeieinheiten aus Berlin, die dort wegen ihrer Härte nicht mehr eingesetzt wurden, ließ Strauß eigens nach Wackersdorf bringen, um den Widerstand zu brechen. Viele Bilder wirken wie aus einem Kriegsgebiet.
Den Protest gegen die WAA, die er in der strukturschwachen Oberpfalz leicht durchsetzen wollte, nannte Strauß „das Werk des Teufels“. Sein Tod am 3. Oktober 1988 markierte das Ende des Projekts.
Ein Verleger, der sich an unbequeme Themen wagt
Untertitel oder erklärende Texte braucht der in Regensburg erschienene Bildband nicht. Die thematisch geordneten Fotos entfalten ihre eigene Kraft. „Der Herbert hat einfach ein grandioses Auge“, sagt Verleger Herbert Wittl, der mit seiner Frau seit 26 Jahren die Edition Bunte Hunde führt.
Der Verlag ist bekannt für Kinder- und Wimmelbücher, aber auch für Werke, die in Regensburg nicht immer willkommen waren. So veröffentlichte Wittl Bücher über Stolpersteine und Zwangsarbeiter, als solche Themen in der Stadt noch tabu waren. Die städtische Touristinformation sträubte sich damals, diese Bücher auszulegen.
Auch mit einer Publikation über den „Sündenfall am Donaumarkt“ zog sich der Verlag den Unmut der Stadtoberen zu. Sie erinnerte daran, wie die Stadt den Donaumarkt durch Enteignungen in ihren Besitz brachte, um dort eine Stadtautobahn zu bauen – ein Projekt, das später scheiterte.
Das Buchprojekt kam „wie ein Asteroid vom Himmel“
Seit den frühen 2000er-Jahren kannten sich Wittl und Baumgärtner und sprachen immer wieder über einen Bildband zur WAA. Doch das Vorhaben blieb liegen – bis Baumgärtner im vergangenen Jahr einige seiner Fotos bei AKUSO (Aktion Kultursozial e.V.) ausstellte. „Das hat bei mir eingeschlagen wie ein Asteroid vom Himmel“, sagt Wittl.
Gemeinsam mit Sabine Watzlawik, Wolfgang Otto und Ursel Wagner von AKUSO nahm er das Projekt in Angriff. „Das klappt nur im Team“, betont Wittl. Nun ist das Buch fertig – eine Erinnerung für Zeitzeugen und eine Entdeckung für die Jüngeren.
Die Kamera als politische Waffe
Wie konnte der Staat mit solcher Härte gegen die eigenen Bürger vorgehen? Und wie schaffte es eine so unterschiedliche Protestbewegung, sich auf ein gemeinsames Ziel zu einigen? „Das wäre heute manchmal auch wünschenswert“, meint Wittl.
Baumgärtner selbst bleibt bei der Buchvorstellung im Hintergrund. Seine Kamera, eine Nikon F2, habe er immer als „politische Waffe“ verstanden, sagt er. Sie sollte festhalten, was geschah.
Um sich als Journalist auszuweisen, gründete er mit einem Freund die Donau-Presse-Agentur (DPA). Seine Fotos erschienen in Lokalzeitungen und Protestmagazinen. Doch nicht alle Bilder erreichten ihr Ziel: Aussagekräftige Aufnahmen eines Todesfalls, die er an die „taz“ nach Berlin schickte, verschwanden spurlos. Der lange Arm von CSU-Ministerpräsident Strauß reichte weit.
Kein Pardon für Demonstranten
Der Bildband enthält eine Einführung von Heribert Prantl. Der damalige Staatsanwalt stand der WAA kritisch gegenüber, war aber Teil eines Systems, das Demonstranten mit fragwürdigen Vorwürfen vor Gericht brachte.
Prantl erinnert sich: Wenn ein Demonstrant von der Polizei weggetragen wurde, klagte man ihn wegen ‘Widerstands’ an, weil er sich ‘schwer gemacht’ hatte. Selbst wenn sich vor Gericht alles anders darstellte, durfte der Staatsanwalt keinen Freispruch beantragen, ohne vorher die Zustimmung seiner Vorgesetzten einzuholen. Und diese Zustimmung gab es nicht. Kein Pardon.
Ein kleiner Widerstand, der großes bewirkt hat
Prantl schreibt, der Widerstand von Wackersdorf sei ein kleiner gewesen, der Großes bewirkt habe. Er sei „die bewegende Kraft, die Recht und Rechtsstaat immer wieder erneuert und vor ihrer Entartung bewahrt“. Am 31. Mai 1989 wurde der Bau der WAA nach vier Jahren eingestellt.
Herbert Baumgärtner: WAA NIE! Bilder eines Widerstands. Herausgegeben vom Förderkreis AktionKulturSozial e.V. Edition Bunte Hunde. Regensburg 2026.