Stand: 22.07.2026, 18:17 Uhr
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„Warum bin ich da nicht selbst draufgekommen?“, fragt sich eine Mutter, als ihr die Lehrerin ihrer Tochter einen Tipp gibt, um deren Smartphone-Nutzung zu reduzieren.
Frankfurt – „Die Lehrerin meiner Tochter hat letztens etwas gesagt, das mich aufhorchen ließ. Ich dachte: Warum bin ich da nicht selbst draufgekommen?“, sagt die Mutter Janina (@janina.unoptimiert) in einem TikTok-Video. Sie habe eine Erziehungsmethode empfohlen, mit der Eltern die Smartphone- und Social-Media-Nutzung ihrer Kinder besser in den Griff bekommen. Das Geheimnis: Eltern sollten ihren Kindern keine Handys kaufen oder schenken, sondern ihnen das eigene Handy oder ein Zweithandy leihen.
„Geliehene Dinge kannst du wieder zurücknehmen. Bei geschenkten Dingen wird es kompliziert“, sagt Janina. Plötzlich sei das Handy nicht mehr ein Geschenk, das Eltern nicht mehr zurücknehmen könnten, sondern ein Gerät, das sie dem Kind anvertrauen, solange es eben passt. „Das verändert alles – du bist nämlich dann nicht die Böse, wenn du Grenzen setzt, du bist dann nur die Mama, die das Gerät geliehen hat und die Bedingungen kennt.“

Eine Mutter präsentiert auf TikTok eine Idee, wie sie bei ihrer Tochter nicht „die Böse“ ist, wenn es um das Thema Smartphone geht. (Symbolbild) © IMAGO/Westend61Studie aus den USA zeigt Folgen von frühem Smartphone-Besitz
Dass Janina das Smartphone und damit soziale Medien von ihrer Tochter fernhalten will, können viele Eltern nachempfinden. Die Wissenschaft gibt ihr Recht: Laut einer Studie aus den USA, für die Daten von fast zwei Millionen jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 24 aus 163 Ländern analysiert wurden, führt frühe Smartphone-Nutzung zu schlechter mentaler Gesundheit. Besonders, wenn Kinder vor ihrem dreizehnten Geburtstag ein Gerät bekamen.
Die Folgen von zu frühem Smartphone-Besitz sind laut den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Suizidgedanken, schlechtere emotionale Regulation, ein geringeres Selbstwertgefühl und Realitätsverlust. 48 Prozent der Mädchen und 31 Prozent der Jungen, die im Alter von fünf bis sechs ein Smartphone bekamen, berichten als junge Erwachsene von Suizidgedanken. Bei denen, die ihr Smartphone erst mit 13 bekamen, waren es nur 28 und 20 Prozent.
Lisa Mutschke vom JFF-Institut für Medienpädagogik bezeichnet die Studienlage zu Mediennutzung und psychischer Gesundheit bei der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media als „vielschichtig“. Es komme stark darauf an, wie, wofür und wie lange Kinder Medien nutzen – und ob sie dabei begleitet würden. „Ein Smartphone allein ist nicht automatisch gut oder schlecht. Diese Studie bedient eher die Angst vor dem zu frühen Medienkontakt, ohne die Realität und Vielfalt der Nutzung ausreichend zu berücksichtigen.“ Wichtig sei also vor allem, dass Eltern sich dafür interessierten, womit sich ihre Kinder in der digitalen Welt beschäftigen, sagt die Familienberaterin Heike vom Heede der Frankfurter Rundschau.
Medienpädagogin: Es ist gut, wenn Kinder so spät wie möglich ein eigenes Smartphone bekommen
„Problematische Smartphone-Nutzung kann negative Folgen haben“, sagt Paula Bleckmann, Professorin für Medienpädagogik an der Alanus Hochschule, der Frankfurter Rundschau. „Darunter Übergewicht, Schlafstörungen und schlechtere Schlafqualität, Schwierigkeiten mit Gefühlsregulation, Konzentrationsprobleme, Sprachverzögerungen, Empathieverlust.“ Die Bildschirmnutzung entziehe den Kindern Lebenszeit, die für reale Erfahrungen fehle. Besonders Kleinkinder sollten Bildschirmen möglichst wenig ausgesetzt sein, findet sie. Sie würden echtes Leben, Sinneseindrücke, Kontakt zu Bezugspersonen benötigen. „Das ist der Motor für neuronales Wachstum.“
Laut Bleckmann ist es gut, wenn Kinder so spät wie möglich ein eigenes Gerät erhalten – bestenfalls nicht vor Beginn der weiterführenden Schule. „Ein eigenes Tablet oder Smartphone im Kindergarten‑ oder Grundschulalter ist keine gute Idee.“ Es scheint so, als träfe die von Janina vorgestellte Idee einen Nerv. „Das habe ich mit dem iPad von meinem Sohn gemacht“, schreibt eine Person bei TikTok. Eine andere findet es für diese „Übergangszeiten“ nicht schlecht, in denen Eltern überlegen, ob sie dem Kind schon ein Smartphone anschaffen sollen oder nicht.
„Wie soll ein Kind das verstehen?“: Eigene Mediennutzung der Eltern ist der Schlüssel
Doch es gibt auch Kritik. Manche bezeichnen die Erziehungsmethode als „Macht-Mittel“. Wenn es nötig sei, dem Kind das Handy wegzunehmen, sei „vorher schon viel schiefgelaufen“, schreibt eine Person. Ein Kind müsse lernen, mit dem eigenen Besitz verantwortungsvoll umzugehen. „Letztlich lernt das Kind so nur, dass es nicht wert ist, etwas Eigenes zu haben“, schreibt sie. „Als Eltern sollten wir es aushalten, die Bösen zu sein.“ Das sei man ohnehin, auch wenn man etwas Geliehenes wegnehme. Eine andere Mutter fragt, ob Janina ihrer Tochter als Nächstes ihre Zimmertür leihe. Ein Handy sei etwas Hochprivates. „Das ist, als würdest du ihr ein Tagebuch ‚leihen‘, in das sie hereinschreiben kann und das du ihr theoretisch jederzeit wieder wegnehmen könntest.“
Heike vom Heede sieht die Eltern selbst in der Verantwortung. Diese müssten ihr eigenes Mediennutzungsverhalten besser reflektieren, da sich Kinder vieles abschauen: „Wie soll ein Kind das verstehen, wenn seine Eltern selbst ständig auf das Handy schauen und nicht ansprechbar sind?“, sagt sie der Frankfurter Rundschau. Und das färbe ab. Eine britische Untersuchung zeigt, dass fast zwei Drittel der befragten Eltern besorgt über ihr eigenes Bildschirmverhalten sind. Produkte wie ein hohles Buch, das ein Smartphone verstecken kann, sind dafür auch keine Lösung, sind sich Medienpädagoginnen einig. (Quellen: eigene Recherche, TikTok, Journal of Human Development and Capabilities-Studie)