Überraschung in Studie: Komplettes Social-Media-Verbot kann für junge Menschen schädlich sein
Stand: 21.07.2026, 13:19 Uhr
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Dass exzessiver Social-Media-Konsum Kindern schadet, gilt als gesichert. Eine neue Studie zeigt nun: Auch komplette Abstinenz kann sich offenbar negativ auf das Wohlbefinden auswirken.
Adelaide – Seit Jahren warnen Fachleute vor den Risiken von zu viel Bildschirmzeit und Social-Media-Nutzung bei Kindern und Jugendlichen: Schlafmangel, Konzentrationsprobleme, ein verzerrtes Körperbild oder Vergleichsdruck werden immer wieder mit exzessivem Konsum in Verbindung gebracht. Auch die Politik reagiert längst auf diese Sorgen – in mehreren Ländern wird derzeit über strikte Altersgrenzen oder gar ein komplettes Social-Media-Verbot für Minderjährige diskutiert, um Kinder und Jugendliche zu schützen.

Eine neue Studie zeigt: Beim Thema Social Media kommt es für das Wohlbefinden von Mädchen und Jungen auf das richtige Maß an. (Symbolbild) © IMAGO/Westend61Eine neue Studie eines Forschungsteams um Ben Singh von der University of South Australia in Adelaide liefert nun jedoch ein deutlich differenzierteres Bild – und eine Erkenntnis, mit der viele nicht gerechnet haben dürften: Auch wer gar kein Social Media nutzt, kann offenbar auch Nachteile für das eigene Wohlbefinden haben.
Über 100.000 Kinder und Jugendliche befragt
Für die im Fachjournal JAMA Pediatrics veröffentlichte Untersuchung werteten die Forschenden Daten von mehr als 100.000 Kindern und Jugendlichen aus, kombiniert aus Längs- und Querschnittstudien. Erhoben wurde, wie viel Zeit die Teilnehmenden pro Woche auf sozialen Netzwerken verbrachten – und wie sie ihr eigenes Wohlergehen einschätzten. Als Kriterien dienten unter anderem Optimismus, Lebenszufriedenheit, Sorgen und Traurigkeit.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterteilten die Nutzung dabei in drei Kategorien, jeweils bezogen auf die Wochentage ohne Wochenende:
- Keine Nutzung: 0 Stunden pro Woche
- Moderate Nutzung: bis zu 12,5 Stunden pro Woche
- Hohe Nutzung: mehr als 12,5 Stunden pro Woche
Mädchen: Je jünger, umso besser geht es ihnen ohne Social Media
Bei Mädchen der vierten bis sechsten Klasse zeigte sich: Ihr Wohlbefinden war am höchsten, wenn sie überhaupt keine sozialen Netzwerke nutzten. Bei älteren Mädchen (Klassenstufe 7 bis 12) drehte sich das Bild jedoch: Hier ging es den Mädchen am besten, die Social Media moderat nutzten. Am schlechtesten schnitten in beiden Altersgruppen jene ab, die sehr viel Zeit auf den Plattformen verbrachten.
Jungen: Späte Jugend als Wendepunkt
Bei Jungen der vierten und fünften Klasse zeigte sich ein ähnliches Muster wie bei den jüngeren Mädchen: keine oder moderate Nutzung ging mit dem höchsten Wohlbefinden einher. Ab der mittleren Klassenstufe kehrte sich der Effekt jedoch um – Verzicht auf Social Media war zunehmend mit schlechteren Werten beim Wohlbefinden verbunden. Besonders bemerkenswert: Im späten Jugendalter schnitten Jungen, die gar keine sozialen Netzwerke nutzten, sogar schlechter ab als jene mit sehr hohem Konsum. Klar blieb aber auch bei den Jungen: Exzessive Nutzung war über alle Altersgruppen hinweg mit negativen Effekten verbunden.
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Lassen Sie sich inspirieren und entdecken Sie tolle Tipps und Aktivitäten für die ganze Familie. © Imago/Westend61Wie Social Media und Wohlbefinden zusammenhängen
Die Forschenden erklären sich den Effekt mit einer Verschiebung sozialer Räume im Laufe der Kindheit: Kleinere Kinder holen sich Nähe, Austausch und Bestätigung überwiegend im direkten, persönlichen Miteinander – auf dem Schulhof, beim Spielen, im Verein. Mit einsetzender Pubertät verlagert sich ein guter Teil dieses sozialen Lebens dann zunehmend ins Netz. Klassenchats, Storys und gemeinsame Trends werden zur Bühne, auf der sich Jugendliche zeigen, dazugehören und in Kontakt bleiben. Fehlt dieser digitale Zugang völlig, bleiben Jugendliche von genau diesem Austausch abgeschnitten – mit spürbaren Folgen für ihr Gefühl, dazuzugehören.
Dass Mädchen empfindlicher auf exzessive Nutzung reagieren als Jungen, führen die Forschenden darauf zurück, dass sie auf den Plattformen häufiger mit Inhalten rund um Aussehen und soziale Vergleiche konfrontiert sind. Jungen nutzen soziale Medien dagegen häufiger für gemeinsame Aktivitäten wie Online-Gaming, was sich weniger negativ auswirken dürfte.
Studie hat auch Schwächen
Ganz ohne Einschränkungen ist die Untersuchung nicht: Die Nutzungskategorien wurden im Vorfeld starr festgelegt, statt die tatsächliche Nutzungsdauer offen zu erfassen, und das Wochenende blieb bei der Berechnung außen vor – gerade an diesen Tagen dürfte die Social-Media-Nutzung bei vielen Jugendlichen aber besonders hoch sein. Hinzu kommt, wie die Ärzte Zeitung berichtet: Die Forschenden verknüpften zwei unterschiedliche Studienansätze und werteten zusätzlich nach Geschlecht und Schulstufe getrennt aus – auf Basis der Annahme, dass ein Zuviel wie ein Zuwenig an Social Media gleichermaßen ungünstig sein könnte, wofür sich in den Daten auch Hinweise fanden. Das macht es schwierig, die Ergebnisse zu „verdichten“.
Kein Freifahrtschein für unbegrenzten Konsum
So spannend die neuen Erkenntnisse sind: Sie sind kein Argument dafür, Kindern und Jugendlichen unbegrenzten Zugang zu sozialen Medien zu gewähren. Die Studie zeigt vor allem, dass ein komplettes Verbot – wie es politisch derzeit in mehreren Ländern diskutiert wird – keine einfache Lösung ist. Stattdessen rückt sie in den Fokus, worauf es wirklich ankommt: ein altersgerechter, begleiteter und maßvoller Umgang mit Instagram, TikTok und Co. Denn eines bleibt unbestritten: Soziale Netzwerke sind heute ein fester Bestandteil des Aufwachsens – die entscheidende Frage ist nicht, ob Kinder und Jugendliche sie nutzen, sondern wie. (Quellen: JAMA Pediatrics: Social Media Use and Well-Being Across Adolescent Development; Ärzte Zeitung) (jade)