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Selbstregulation als „Superpower“: Warum Wissenschaftler fordern, dass Schulen diese Kompetenz systematisch fördern - News4teachers

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TÜBINGEN. Gute Schulen vermitteln Wissen, fördern soziale Kompetenzen und bereiten Kinder und Jugendliche auf Ausbildung, Studium und Beruf vor. Nach Ansicht führender Bildungsforscher reicht das künftig jedoch nicht mehr aus. Sie plädieren dafür, die Förderung der Selbstregulation zu einer Leitperspektive des Bildungssystems zu machen. Der Grund: Kaum eine andere Kompetenz beeinflusst schulischen Erfolg, psychische Gesundheit und den späteren Lebensweg so stark – und sie lässt sich gezielt entwickeln.

Superpower – lässt sich lernen. (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

Ein neuer Übersichtsartikel bündelt nun die Forschung und beschreibt Selbstregulation als eine „Superpower“, die Kindern und Jugendlichen hilft, Herausforderungen in Schule und Leben erfolgreich zu bewältigen. „Selbstregulationskompetenz ist als entwicklungsbezogene ,Superpower‘ zu verstehen, die sowohl eine Vielzahl wichtiger Lebensbereiche vorhersagt als auch durch Bildung gefördert werden kann“, schreiben die Autoren.

Die Forderung ist nicht neu. Bereits vor zwei Jahren hatte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfohlen, Selbstregulation als zusätzliche Leitperspektive im deutschen Bildungssystem zu verankern. Nun legen Ulrich Trautwein, Janina Eberhart, Charlotte Dignath sowie weitere internationale Bildungsforscher nach. In einem umfangreichen Übersichtsartikel im Fachjournal Educational Psychology Review fassen sie den internationalen Forschungsstand zusammen und entwickeln ein gemeinsames Modell dafür, was Selbstregulation eigentlich bedeutet – und warum sie für Schulen so bedeutsam ist.

Dabei setzen sie sich zunächst mit einem Problem auseinander, das die Forschung seit Jahren begleitet. Zwar gibt es eine Vielzahl wissenschaftlicher Ansätze, die sich mit Selbstregulation beschäftigen. Sie stammen jedoch aus unterschiedlichen Disziplinen und arbeiten weitgehend nebeneinander her.

So untersucht die Forschung zum selbstregulierten Lernen vor allem, wie Schülerinnen und Schüler ihren Lernprozess planen, überwachen und anpassen. Die Forschung zu den sogenannten exekutiven Funktionen beschäftigt sich mit kognitiven Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Impulskontrolle oder geistiger Flexibilität. Die Persönlichkeitspsychologie wiederum betrachtet Eigenschaften wie Gewissenhaftigkeit oder Selbstdisziplin. Nach Einschätzung der Autoren erschwert diese Aufteilung den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die pädagogische Praxis erheblich. Lehrkräfte erhielten dadurch häufig kein klares Bild davon, welche Maßnahmen tatsächlich wirksam seien. Die bisherige Forschung sei häufig in „siloartigen Traditionen“ organisiert gewesen. Dadurch drohe der Blick auf die gemeinsamen Grundlagen verloren zu gehen – und damit auch die Chance, Selbstregulation als übergreifende Bildungsaufgabe systematisch zu fördern.

„Selbstregulationskompetenz bezeichnet die Fähigkeit, die eigenen Gedanken, Emotionen und das eigene Verhalten so zu überwachen und zu steuern, dass persönliche Ziele erreicht werden können und flexibel auf Veränderungen reagiert wird“

Der neue Beitrag versucht deshalb, diese unterschiedlichen Perspektiven zusammenzuführen. Trotz aller Unterschiede gebe es einen gemeinsamen Kern: „Selbstregulationskompetenz bezeichnet die Fähigkeit, die eigenen Gedanken, Emotionen und das eigene Verhalten so zu überwachen und zu steuern, dass persönliche Ziele erreicht werden können und flexibel auf Veränderungen reagiert wird“, definieren die Autoren. Vereinfacht bedeutet das: Kinder und Jugendliche setzen sich angemessene Ziele, behalten ihren Fortschritt im Blick und setzen bei Schwierigkeiten passende Strategien ein – unabhängig davon, ob Hindernisse fachlicher, motivationaler oder emotionaler Natur sind. Mit zunehmender Übung laufen diese Prozesse immer automatischer ab und werden schließlich zur Gewohnheit.

Die Autoren vergleichen diese Entwicklung mit dem Mathematikunterricht. Zwischen dem Erlernen einfacher Rechenoperationen in der Grundschule und dem Lösen komplexer Differentialgleichungen in der Oberstufe liegen zwar Welten. Dennoch baut alles auf denselben grundlegenden Denkprozessen auf. Ähnlich verhält es sich mit der Selbstregulation: Was Kinder im Kindergarten lernen müssen, unterscheidet sich deutlich von den Anforderungen an Jugendliche in der Sekundarstufe. Die zugrunde liegenden Fähigkeiten bleiben jedoch dieselben und entwickeln sich über viele Jahre weiter.

Dass sich diese Anstrengungen lohnen könnten, begründen die Autoren mit einer ungewöhnlich breiten Forschungslage. Demnach profitieren Schülerinnen und Schüler mit hoher Selbstregulationskompetenz nicht nur beim Lernen. Sie erzielen im Durchschnitt bessere schulische Leistungen, zeigen ein höheres psychisches Wohlbefinden und entwickeln seltener psychische oder soziale Probleme. Langfristige Studien weisen zudem darauf hin, dass Selbstregulation auch Jahrzehnte später mit höherem Einkommen, besserer Gesundheit und geringerer Kriminalität zusammenhängt.

Damit rückt Selbstregulation nach Auffassung der Autoren in eine ähnliche Bedeutungskategorie wie Lesen, Schreiben oder Rechnen. Sie sei keine zusätzliche Einzelkompetenz, sondern eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass Kinder und Jugendliche ihr Wissen überhaupt erfolgreich einsetzen könnten.

Ebenso wichtig ist aus Sicht der Forscher eine zweite Erkenntnis: Selbstregulation ist keine unveränderliche Persönlichkeitseigenschaft. Vielmehr lässt sie sich gezielt fördern. Meta-Analysen zeigen positive Effekte sowohl für Programme zum selbstregulierten Lernen als auch für Interventionen zur Förderung exekutiver Funktionen oder der Gewissenhaftigkeit. Zwar seien die Effekte einzelner Maßnahmen häufig begrenzt und könnten mit der Zeit wieder nachlassen. Insgesamt spreche die Forschung jedoch eindeutig dafür, dass Schulen einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung dieser Kompetenzen leisten können.

Genau daraus leiten die Autoren Konsequenzen für den Unterricht ab. Sie plädieren ausdrücklich nicht für ein zusätzliches Schulfach „Selbstregulation“. Vielmehr müsse die Förderung dieser Kompetenz Bestandteil guten Unterrichts werden.

„Um das Potenzial der Selbstregulationskompetenz als ,Superpower‘ vollständig zu entfalten, sollte ihre Förderung zu einem Leitprinzip von Bildungssystemen werden“

Als besonders wichtig beschreiben sie drei Elemente: eine verlässliche Klassenführung mit klaren Strukturen, kognitiv anspruchsvolle Aufgaben sowie eine unterstützende Beziehung zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern. Ergänzend sollten Lernstrategien ausdrücklich vermittelt werden – etwa wie Lernziele formuliert, Arbeitsprozesse geplant oder Fehler systematisch ausgewertet werden können. Solche Strategien dürften nicht vorausgesetzt, sondern müssten ausdrücklich eingeübt werden. „Um das Potenzial der Selbstregulationskompetenz als ,Superpower‘ vollständig zu entfalten, sollte ihre Förderung zu einem Leitprinzip von Bildungssystemen werden“, fordern die Autoren. Hochwertiger Unterricht mit wirksamem Classroom-Management, kognitiver Aktivierung und individueller Unterstützung bilde dafür die Grundlage.

Dabei gehe es nicht allein um einzelne Unterrichtsstunden. Nach Auffassung der Autoren entfaltet Selbstregulation ihre größte Wirkung, wenn sie als gemeinsames Ziel einer gesamten Schule verstanden wird. Lehrkräfte, Schulleitungen, Beratungsangebote und Ganztagsangebote sollten dabei möglichst an einem Strang ziehen. Auch Aus- und Fortbildung müssten diese Perspektive deutlich stärker berücksichtigen. Die Autoren verweisen darauf, dass viele Lehrkräfte bislang kaum darauf vorbereitet würden, Selbstregulation systematisch zu fördern.

Über Deutschland hinaus sehen die Wissenschaftler auch bildungspolitischen Handlungsbedarf. Während einzelne Staaten – etwa Singapur – Selbstregulation bereits ausdrücklich in ihren Kompetenzmodellen verankert hätten, spiele sie in vielen Bildungssystemen bislang nur eine Nebenrolle. Angesichts steigender Anforderungen an eigenständiges Lernen, zunehmender Digitalisierung und wachsender psychischer Belastungen halten sie dies für nicht mehr zeitgemäß.

Mag alles stimmen. Aber: „Superpower“ – ist das nicht ein bisschen übertrieben? Die Autoren betonen, dass der Begriff bewusst gewählt sei. Er solle verdeutlichen, „welche Bedeutung das Thema für die individuelle Entwicklung und für die Gesellschaft besitzt“, und dazu beitragen, dass Bildungspolitik und pädagogische Praxis der Förderung von Selbstregulationskompetenz künftig deutlich mehr Aufmerksamkeit widmen.

Wer Schülerinnen und Schüler befähige, ihre Aufmerksamkeit zu steuern, Ziele konsequent zu verfolgen, mit Rückschlägen umzugehen und das eigene Lernen zu organisieren, fördere nicht nur bessere Leistungen. Er schaffe zugleich Voraussetzungen für psychische Gesundheit, gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben – weit über die Schulzeit hinaus. News4teachers 

Hier lässt sich der vollständige Artikel gratis herunterladen. 

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