Stand: 14.07.2026, 22:44 Uhr
Kommentare
Uns auf Google folgen
Erdoğan zieht seinen „ausgestreckten Mittelfinger“ wieder ein: Der türkische Präsident bringt mit einem Coup Trump und Putin mächtig ins Schleudern.
Ankara – Als „die stille Neuausrichtung der Türkei“, überschreibt Gönül Tol ihre Analyse einer Türkei, die sich als „big player“ im Nahen Osten zu halten versucht – und sich gleichermaßen anschickt, „gut Wetter“ zu machen gegenüber Donald Trump und der NATO. Ein Ritt auf der Rasierklinge, weil sich die türkische Regierung auch kaum leisten kann, Wladimir Putin zu verprellen. Der Ukraine-Krieg hat die Macht am Bosporus arg gebeutelt: Sie ist abhängig von beiden Seiten. „Ankara ist sich jedoch bewusst, dass es seine Interessen im Ausland besser verfolgen kann, wenn es mit den Vereinigten Staaten und Europa zusammenarbeitet“, schreibt Tol für das Magazin Foreign Affairs. Jetzt hat sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan einen vermeintlichen Befreiungsschlag einfallen lassen.

Der außenpolitische Hebel für innenpolitische Wirkung: das S-400 Triumf-Luftabwehrsystem – hier während einer Übung russischer Truppen auf der Krim. Die Türkei hatte dieses System von Russland gekauft aus Trotz gegen die Weigerung Donald Trumps, der Türkei F-35-Kampfjets beziehungsweise Patriot-Raketen zu verkaufen. Im Time-Magazin hat Bobby Ghosh kommentiert: „Der Kauf des S-400-Systems war seine Antwort: ein trotziger Mittelfinger an das westliche Bündnis.“ (Archivfoto) © IMATO / TASS / Sergei MalgavkoDie Türkei plant, ihre russischen S-400-Luftabwehrsysteme an an Katar oder die Vereinigten Arabischen Emirate zu verkaufen und wieder reumütig unter die Decke der USA zu kriechen: US-Präsident Donald Trump hatte der Türkei ursprünglich den Kauf von F-35-Kampfjets und Patriots untersagt, weil deren Regierung mit russischen Waffen geliebäugelt hatte. Allerdings will Trump seine Rüstungsindustrie unter Dampf halten und signalisierte offenbar auf dem jüngsten, in Ankara abgehaltenen, NATO-Gipfel Bereitschaft, den Deal jetzt machen zu wollen. Ein heikles Unterfangen, weil Erdoğan und Trump damit Freund und Feind auf die Füße treten. Sowohl Israel als auch Griechenland fühlen sich durch die Aufrüstung ihres Nachbarn brüskiert, und Putin muss dem Verkauf der Waffen ohnehin noch zustimmen.
Zwischen der Gunst von Trump und Putin: „Sechs Jahre lang versuchte Erdoğan, beides zu haben“
Aber genau das provoziert Fragen nach dessen Beweggründen. Ob der russische Diktator seinen Ansatz gegenüber Ankara und Washington ändern wolle, werde unter regionalen Geheimdiensten spekuliert, publiziert Euractiv. „Russland scheint bereit zu sein, eine Vereinbarung zu ermöglichen, die sowohl den Amerikanern als auch den Türken zugutekommt. Das scheint im Widerspruch zu der Strategie zu stehen, die es bisher in der Region verfolgt hat“, zitiert das Medium einen Nachrichtendienstler. Wladimir Putin und seine Außenpolitik hängen stark vom Wohlwollen der türkischen Regierung ab. „Die zentrale Frage für die türkische Politik ist, ob Ankara diesen schwierigen Balanceakt mit Russland aufrechterhalten kann“, schreibt Sinan Ülgen für das „Carnegie Endowment for International Peace“.
Der Kauf des S-400-Systems war seine Antwort: ein trotziger Mittelfinger an das westliche Bündnis.
Der Autor spricht von einer Partnerschaft der „Machtasymmetrie“. Vereinfacht formuliert, ist die türkische Wirtschaft einer der Kriegsgewinnler des Ukraine-Krieges. Wie der Thinktank mit Rückgriff auf die staatliche türkische Statistikbehörde Türkiye İstatistik Kurumu berichtet, hätten sich die allgemeinen türkischen Exporte allein zwischen 2021 und 2023 von 5,7 Milliarden US-Dollar auf 10,9 verdoppelt. Damit hat Putin verprellte Zulieferer kompensieren können. Verprellt hat auch Erdoğan: zuerst die Amerikaner samt der NATO wegen des Kaufs von russischer Technik und jetzt Israel und Griechenland mit der Nachrüstung durch US-Kriegsgerät. „Sechs Jahre lang versuchte Erdoğan, beides zu haben – die russischen Raketen zu behalten und gleichzeitig die Gunst der USA zurückzugewinnen“, schreibt Bobby Ghosh für das Time-Magazin. Erdoğan habe sich kolossal vergaloppiert, so Ghosh: Der Kauf des S-400-Systems „war ein trotziger Mittelfinger an das westliche Bündnis“.
Jetzt scheint er erneut Öl ins Feuer gegossen zu haben, wie die griechische Tageszeitung Kathimerini über ein Gespräch mit der stellvertretenden israelischen Außenministerin berichtet: „Was diese Flugzeuge betrifft, so handelt es sich um hochwertige, in Amerika hergestellte Flugzeuge, die zu den besten gehören, die man finden kann. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass Israel auch eigene Technologien beisteuert, die ihre Fähigkeiten zusätzlich verbessern. Was das Kräfteverhältnis in Israel betrifft, so werden wir sicherstellen, dass wir stets die Oberhand behalten“, sagt Sharen Haskell. Griechenland sieht sich ebenfalls in seiner Existenz gefährdet, wie der ehemalige Premierminister Alexis Tsipras den angekündigten Deal kommentiert.
Der F-35-Kampfjet-Deal macht Angst in der Region: „Ich bezeichne dies als eine nationale Niederlage“
„Ich bezeichne dies als eine nationale Niederlage“, sagte er; laut Kathimerini äußerte sich ähnlich der griechische Außenminister Nikos Dendias, der gegenüber Mitgliedern des US-Kongresses seine Sorge um die nationale Sicherheit Griechenlands betont habe. Demnach könnten F-35-Kampfjets in Händen der Türkei schwerwiegende Folgen für die Stabilität und Sicherheit in der Region zeitigen. Diese Ängste betreffen offenbar die „alte“ Türkei: Seit 2024 scheint sich das Land zwischen Orient und Okzident zu häuten – wohl gezwungenermaßen. „Die Türkei hat sich im Wesentlichen entschieden, sich erneut zur NATO zu bekennen“, schreibt Gönül Tol. Das folgt einem weitgehenden Verzicht auf Energie aus Russland und dem Bekenntnis der Abhängigkeit von westlichen Bauteilen für die eigene Rüstungsindustrie.
Im Deal mit Trump stecken auch Triebwerke für den in der Türkei entwickelten Tarnkappen-Kampfjet: Europas NATO-Partner am Bosporus will mit dem „Kaan“ (Herrscher, Kaiser) der Turkish Aerospace Industries (TAI) zur neuen Macht am Himmel aufsteigen. Das wiederum muss Donald Trump schwer im Magen liegen. Der US-Präsident hat wegen seiner Außen- und Rüstungspolitik halb Europa vergrätzt und nicht zuletzt durch die Gerüchte um die durch „Kill Switches“ lahmzulegenden F-35-Kampfjets die Europäer zur Eigeninitiative angestachelt. Und wo die NATO-Luftflotten durch eigenes Fachwissen für den Krieg ertüchtigt werden, bleibt die US-Industrie auf ihrer Ware hocken; was wiederum Donald Trump innenpolitisch angreifbar macht.
S-400-Deal als Stolperfalle für Trump und Putin: Mahnmal für schlechtes Urteilsvermögen
Insofern musste Recep Tayyip Erdoğan seine S-400-Systeme schnellstens loswerden – er hatte Wladimir Putin Ende 2025 sogar gebeten, die Waffen wieder zurückzunehmen. Und auch Donald Trump hat schon erleben müssen, dass NATO-Partner vom Kauf der F-35 zurückgetreten sind. „Die missliche Lage des türkischen Präsidenten ist ein Paradebeispiel dafür, welche Gefahren es birgt, innenpolitische Erwägungen – und persönliche Verärgerung – über Außenpolitik und nationale Sicherheit zu stellen. Die S-400-Affäre war von Anfang bis Ende ein Mahnmal für schlechtes Urteilsvermögen. Und nun wird die Rechnung präsentiert“, resümiert Bobby Ghosh für Time. Einen ähnlichen Kommentar hätte er auch über Donald Trump und dessen Erpressungspotenzial durch die F-35 verfassen können.
Der Ausschluss vom F-35-Programm hatte die Beziehungen zwischen der Türkei und den USA auf den Gefrierpunkt sinken lassen, allerdings mit Aussicht auf Besserung, wie Sinem Adar von der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ schreibt: „Während Washington das Tempo vorgibt, zeigt Ankara Kooperationsbereitschaft – nicht zuletzt aufgrund technologischer Abhängigkeit, wirtschaftlicher Schwäche und sicherheitspolitischer Zwänge.“ Allerdings steht wohl das letzte Wort noch aus – Russland erwägt noch, den Verkauf der Waffen an die Golfstaaten zu genehmigen. Schließlich würden die durch den Iran-Krieg gebeutelten US-Kooperanten die Waffen mit Sicherheit gegen den Iran einsetzen. Einige Sicherheitsbedenken seien noch auszuräumen, zitiert Euractiv einen russischen Offiziellen.
Auch der Kreml ist offensichtlich unschlüssig, welche Entscheidung klug sei. Die türkische Zeitung Hürriyet zitiert Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow nichtssagend: „Dies ist ein sehr sensibles Thema. Wir haben diesbezüglich bereits Kontakt mit der Türkei aufgenommen und werden diesen Kontakt fortsetzen.“ Mit dem Deal würde sich die Türkei beliebt machen in den arabischen Staaten – die sind auch zunehmend angesäuert ob Trumps Sprunghaftigkeit. Die Türkei biedert sich dort an als verlässlicher Rüstungspartner – ihr Kaan-Kampfjet hat wohl auch das Potenzial zum Hebel, um den Käufern politischen Einfluss zu verschaffen, schreibt Ali Bakir vom US-Thinktank „Atlantic Council“: „Mit der Ankündigung, 100 Kaan-Kampfjets zu erwerben, scheint Saudi-Arabien seine strategischen Partnerschaften zu stärken und seine geopolitische Stellung im Nahen Osten auszubauen.“ (Quellen: Carnegie Endowment for International Peace, Stiftung Wissenschaft und Politik Atlantic Council, Türkiye İstatistik Kurumu, Foreign Affairs, Euractiv, Time, Kathimerini, Hürriyet) (hz)