Tourreporter
Stand: 25.07.2026 • 21:01 Uhr
Mit zwei Etappensiegen und der Übernahme des Bergtrikots wird Richard Carapaz auf den drei schweren Alpenetappen der Tour de France zur prägenden Figur. Der Ecuadorianer hat hart dafür gekämpft.
Hinter dem Podium in Alpe d'Huez wollte jemand ein Selfie mit dem Etappensieger machen. Richard Carapaz setze also sein breitestes Grinsen auf und strahlte in die Handykamera von Sepp Kuss, dem er kurz zuvor den Tagessieg auf der 20. Etappe weggeschnappt hatte.
Genau genommen hatte sich Kuss mit zwei Stürzen auf der Abfahrt vom Col de Sarenne kurz vor dem Ziel in Führung liegend selbst aus dem Rennen genommen. Allerdings schien den US-Amerikaner das schon nicht mehr zu betrüben, wohl auch weil er glücklich war, dass er glimpflich davongekommen war. Beim zweiten Sturz war er in einer Kurve auf einer Betonbegrenzung entlang geschrappt und hatte erst kurz vor dem Ende des Fangzauns gestoppt. Dahinter ging es steil den Abhang hinunter.
"Es hat sich gelohnt"
"Ich habe die Kurve vollkommen falsch eingeschätzt", lachte Kuss später: "Tut mir leid, dass ich meiner Frau und meiner Tochter zuhause wahrscheinlich einen Schrecken eingejagt habe." Als er sich nach dem glimpflich abgegangenen Zwischenfall wieder berappelt hatte, war Carapaz vorbeigerauscht. Der Ecuadorianer rettete seinen Vorsprung anschließend ins Ziel, während Kuss auch noch den Belgier Remco Evenepoel vorbeiziehen lassen musste.
"Ich weiß nicht genau, was bei der Abfahrt passiert ist. Plötzlich lag er einfach auf dem Boden, einfach so", schilderte Carapaz den Moment, in dem sich ihm der Weg zu seinem zweiten Etappensieg bei dieser Tour de France eröffnete. Die letzten drei Kilometer führten dann wieder hinauf durch Alpe d'Huez ins Ziel. "Am Ende hatten wir diesen Ortsabschnitt, der - um das ganze noch zu krönen - auch sehr hart war", sagte der Ecuadorianer. Er habe auf den letzten Metern dort sehr gelitten: "Denn, wenn man sie kennt, kommen sie einem ewig vor, weil man bis zum letzten Meter alles mitzählt, was man schon durchgemacht hat. Aber ich glaube, es hat sich gelohnt."
Richard Carapaz jubelt im Ziel der 20. Etappe
Saisonziel war eigentlich der Giro
Da konnte man kaum widersprechen. Carapaz feierte in Alpe d'Huez nicht nur seinen zweiten Etappensieg, sondern hatte unterwegs auch das gepunktete Bergtrikot unter Dach und Fach gebracht, das er nun nach Paris bringen und gewinnen wird. "Ich habe es verdient, weil ich so hart dafür gekämpft habe", sagte Carapaz. Und auch da wollte ihm niemand widersprechen.
Auf allen drei Alpenetappen, die das große Finale der Tour bildeten, war Carapaz vorne rausgefahren, um sich Punkte für das Bergtrikot zu sichern. Zweimal beendete er den Tag als Sieger, und als es auf der 19. Etappe über die 21 ikonischen Kehren zum ersten Mal nach Alpe d'Huez hinaufgegangen war, musste er sich wie alle anderen der Übermacht des Mannes im Gelben Trikot, Tadej Pogacar, beugen. Und am Schluss auch den Franzosen Lenny Martinez vorbeiziehen lassen.
Carapaz hat 2019 den Giro d'Italia gewonnen, zwei Jahre später stand er schon einmal als Dritter der Gesamtwertung auf dem Podium der Tour. Der Ecuadorianer ist also eigentlich ein Klassementfahrer. In diesem Jahr sollte er beim Giro, wo er im Jahr zuvor Dritter war, einer der Herausforderer des späteren Gesamtsiegers Jonas Vingegaard sein, musste seinen Start aber kurzfristig absagen, weil sich nach einer Operation die Heilung verzögerte.
"Mir war ganz klar, was ich wollte"
Zu Beginn des Jahres war zudem Carapaz' Mutter gestorben, was verständlicherweise eine zusätzliche Belastung darstellte. "Er hatte ein schweres Jahr als Mensch, aber auch als Sportler", sagte der Sportliche Leiter des Teams EF Education First, Charles Wegelius, nachdem Carapaz seine erste Etappe in Orcières-Merlette errungen hatte: "Er ist kein Roboter, sondern ein Fahrer, der mit dem Herzen Rennen fährt."
Das hat er in den vergangenen Tagen eindringlich unter Beweis gestellt. Carapaz war deshalb auch nicht mit dem Ziel zum Grand Départ nach Barcelona angereist, im Klassement weit vorne zu landen. "Mir war ganz klar, was ich wollte", sagte Carapaz in Alpe d'Huez: "Man musste die Situation bestmöglich meistern, Zeit verlieren, wenn es nötig war, und dann wissen, dass ich in dieser letzten Woche zu 100 Prozent dabei sein würde. Es war eine komplexe Situation, aber wir haben sie mit dem Team gut gemeistert."
Carapaz und seine Mannschaft dürfen mit dem Gefühl nach Paris fahren, diese letzte Woche der Tour mitgeprägt zu haben. "Wir haben gezeigt, dass wir eins der besten Teams der Welt sind", hatte Teamchef Jonathan Vaughters schon nach der ersten Zielankunft in Alpe d'Huez erklärt und sich laut die Frage gestellt, was wohl passiere, wenn Carapaz einmal mit 100 Prozent Form zur Tour anreise.
Sie haben das bei der US-Equipe schon einmal probiert - bei der Tour 2023. Damals war Carapaz dann schon auf der ersten Etappe in Bilbao so schwer gestürzt, dass die Tour sofort wieder beendet war. Seitdem ist fast immer etwas schief gelaufen für ihn. Diesmal aber konnte Carapaz seinen Plan umsetzen. Ganz nebenbei beendet der 33 Jahre alte Radprofi die Tour am Sonntag in Paris wohl auch noch in den Top Ten - als Achter mit 20 Minuten Rückstand auf Pogacar. "Es war", sagte Carapaz in Alpe d'Huez, "eine Traumtour."