„Rechts sind vielleicht 60 Prozent“: Was Magyar in Ungarn bringt – und ob ein Orbán-Comeback möglich ist
Stand: 18.07.2026, 22:14 Uhr
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Viktor Orbán ist weg – aber sein Nachfolger Péter Magyar immer noch eine große Unbekannte in Europa. Ein ungarischer Politik-Berater erklärt Magyars Plan.
Budapest/München – Noch Anfang 2024 hätte es kaum jemand für möglich gehalten. Und doch: Ungarn hat im April Viktor Orbán nach 16 Jahren abgewählt. Der Politikberater Gergő Papp hat den Wahlkampf genau verfolgt – und Péter Magyars unwahrscheinlichen Aufstieg vom Fidesz-Abtrünnigen zum Hoffnungsträger im Buch „Der Sturz Orbáns“ (Wahrheitsperlen-Verlag, 24 €) im Detail beschrieben. Drei Monate nach dem politischen Erdbeben ist Gelegenheit für ein Update: Im Interview mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media erklärt Papp, was vom großen Unbekannten Magyar und seiner Partei Tisza politisch zu erwarten ist. Und ob ein Orbán-Comeback realistisch erscheint.

Viktor Orbán in Brüssel – ein Bild aus der Vergangenheit. Noch bleibt aber abzuwarten, wie Péter Magyar (re.) Ungarn künftig führt. © Montage: Sebastian Gollnow/Markus Lenhardt/picture alliance/dpa/fn„Rechts sind vielleicht 60 Prozent im Land“: Was Ungarns Wähler von Orbán-Nachfolger Magyar erwarten
Herr Papp, unlängst war Péter Magyar bei Friedrich Merz in Berlin zu Gast – und hat an Deutschland wenig genehmen Wahlkampfversprechen festgehalten, an Zurückhaltung bei militärischer Hilfe für die Ukraine zum Beispiel. Hält Magyar bislang im Allgemeinen, was er versprochen hat?
Ich würde sagen: ja. Seine Position zu militärischer Unterstützung für die Ukraine ist vor allem der jahrelangen Propaganda von Viktor Orbán geschuldet – für viele Ungarn ist militärische Hilfe eine rote Linie. In anderer Hinsicht hilft er der Ukraine und benennt klar, dass Russland der Aggressor ist. Ich denke also, er tut, was er kann. Das Hauptversprechen war aber, korrupte Fidesz-Politiker ins Gefängnis zu bringen. Magyars Regierung hat zum Beispiel bereits eine neue Institution geschaffen, die untersuchen soll, wie öffentliche Gelder an Orbán und Fidesz nahestehende Personen umgeleitet wurden.
Wie kommt diese Politik bisher in Ungarn an?
Die Wähler sind offenbar froh darüber. In Umfragen liegt Tisza bei knapp 70 Prozent, das ist in Ungarn und vielleicht ganz Europa nahezu beispiellos. Aber das ist immer noch die Flitterwochen-Phase.
Eine heikle Frage ist, ob Magyar im Kampf gegen das Erbe der Regierung Orbán zu weit geht. Ob er etwa die Regeln bricht, wenn er Präsident Tamás Sulyok aus dem Amt drängt. Sehen Sie diese Gefahr?
Das ist ein reales Problem. Das Schwierige ist ja: Genau das war sein Versprechen. Und die Menschen unterstützen es. Sogar mit Rechtsfragen befasste NGOs in Ungarn sagen, dass das Ziel völlig in Ordnung ist – der Umsetzungsweg womöglich nicht. Aber man muss sich auch andere Ziele ansehen: die Begrenzung der Amtszeiten des Premiers oder ein neues Wahlgesetz, das Gewinner nicht mehr so stark bevorzugt. Alles in allem würde ich sagen, dass Ungarn dadurch deutlich demokratischer werden würde. Nur eine Lösung in Bezug auf den Präsidenten ist wirklich schwierig. Und zugleich eine Voraussetzung, um eine echte Demokratie in Ungarn aufzubauen. Ich sehe darin aber kein Zeichen für ein neues autoritäres System.
Sie beschreiben in ihrem Buch eine Wandlung Péter Magyars. Anfangs war er Orbán gegenüber recht zurückhaltend, zugleich gab es Spekulationen über eine Russlandnähe Magyars. Zum Ende des Wahlkampfes klang beides völlig anders. Halten Sie diese Veränderung für authentisch?
Ich denke, der Wandel war echt. Magyar wurde in Fidesz-Kreisen sozialisiert, also hat er einen Teil der Propaganda über Russland und die Opposition aufgesaugt. Aber als damit konfrontiert wurde, was es bedeutet, von der Propagandamaschine selbst angegriffen zu werden, begriff er, dass er am falschen Ende des Systems gelandet war. Er begriff: „Es ist nicht okay, was hier passiert.“ Und er hat etwa 700 Städte in Ungarn besucht und könnte dabei eine Million Ungarn getroffen haben. Das sind extrem viele Geschichten darüber, was das System den Menschen angetan hat. Er ist auch nach Butscha gereist, die Ukrainer haben ihm gezeigt, was dort passiert ist. All das hat ihn wohl beeinflusst.
Zur Person: Gergő Papp
Papp ist seit mehreren Jahren als politischer Berater in Wahlkämpfen tätig – auf Oppositionsseite. Vor der Ungarn-Wahl arbeitete der 1991 geborene Papp nicht in Magyars Team, sondern für die liberale Momentum-Partei. Als unparteiischen Beobachter betrachtet er sich selbst nicht. „Es ist die Hauptgeschichte meines Berufslebens, dass ich gegen Viktor Orbán gekämpft habe“, räumt er ein. „Aber ich sage offen, wo ich hingehöre – und ich versuche sicherzustellen, dass es meinen Blick auf die Kampagne nicht beeinflusst.“
Eine andere große Frage vor der Wahl war: Wer zieht für Magyars Partei ins Parlament ein? Die Namen waren bekannt. Nicht aber, wofür diese neuen Abgeordneten stehen. Haben Sie drei Monate nach dem Wahltag darauf eine Antwort gefunden?
Ein Hauptmerkmal ist, dass die meisten von ihnen in den vergangenen 16 Jahren nicht in der Politik tätig waren. Viele lebten im Ausland, viele haben beim letzten Mal noch für Fidesz gestimmt und ihre Meinung geändert, so wie Péter Magyar. Momentan würde ich sagen: Tisza wirkt, als wären es zwei oder drei Parteien. Mitte-Rechts, Mitte-Liberal, vielleicht Mitte-Links. Was diese Strömungen zusammenhält, sind Magyar und die Mission, in Ungarn eine Demokratie aufzubauen. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt.
Was ist Ihre These?
Ich denke, alles in allem ist Tisza eine Mitte-Rechts-Partei, wie man sie auch in Westeuropa erwarten würde – abgesehen von Magyars Stil, der sich wirklich stark von Westeuropa unterscheidet. Letztlich ist Tisza eine marktliberale, in vielen Dingen konservative, aber doch eher liberale Partei. Bei den großen Themen gibt es da noch immer keine Risse.
Ein weiterer Effekt der jüngsten Wahl: In Ungarns neuem Parlament gibt es nur noch drei Parteien – Magyars Tisza, Orbáns Fidesz und die rechtsextreme Mi Hazank. Spiegelt das Ungarns Gesellschaft wider? Oder ist das nur Folge eines stark polarisierten Wahlkampfs?
Was hier passiert ist: Die links-liberalen Wähler – vielleicht 30 bis 40 Prozent in Ungarn – haben alle für Tisza gestimmt. Offenbar sind sie mit dieser Entscheidung immer noch glücklich. Sie stehen Tisza ideologisch vielleicht nicht sonderlich nahe. Aber sie sehen, dass die Partei alles versucht, um öffentliche Gelder zurückzuholen und korrupte Fidesz-Politiker ins Gefängnis zu bringen. Zudem sind einige Entscheidungen offensichtlich liberaler als das, was Viktor Orbán getan hat. Aber das heißt nicht, dass die ungarische Gesellschaft insgesamt rechts ist. Auch Fidesz hatte eigentlich keine Ideologie, die Wähler folgten nur Orbán. Und Mi Hazank fängt auch Verschwörungstheoretiker und Impfgegner ein. „Rechts“ sind vielleicht 60 Prozent im Land. Ich bin recht sicher, dass bald eine linksliberale Partei auftauchen und ins nächste Parlament einziehen wird.
Nach dem Machtwechsel in Ungarn: Ist ein Orbán-Comeback denkbar?
Wie könnte das passieren?
Wir wissen nicht, wie genau das vor sich gehen und wer das sein wird. Aber es ist völlig klar, dass es so nicht länger als eine Legislaturperiode weitergehen wird. Es gibt viele kleine Parteien wie die liberale Momentum, aber auch Politiker und Influencer, die sehr populär sind. Aktuell sieht es stark danach aus, dass der nächste ungarische Präsident direkt vom Volk gewählt werden wird (statt wie bisher vom Parlament; Anm. d. Red.) – ich denke, dann wird es einen links-liberalen Kandidaten geben. Das könnte der Startschuss für eine neue Partei sein.
Viele in Deutschland und Europa fragen sich: Ist ein Comeback für Viktor Orbán denkbar?
Vor der Wahl habe ich noch gesagt: Er wird zumindest die Chance auf eine Rückkehr haben. Einfach, weil wir das in Europa so oft erlebt haben. Bei Robert Fico in der Slowakei, bei Janez Janša in Slowenien, bei den polnischen Rechtspopulisten. Auch bei Benjamin Netanjahu und Donald Trump. Ein Grund für dieses Phänomen ist aber, dass die Menschen nach der Abwahl dieser Politiker immer noch frustriert waren. Das habe ich auch in Ungarn erwartet.
Aber?
Aber Tisza hat eine Zwei-Drittel-Mehrheit bekommen. Damit können sie zum einen das Wahlgesetz ändern – mit einer Beschränkung der Maximalzahl der Amtszeiten ist Viktor Orbán rechtlich von einer Rückkehr als Ministerpräsident ausgeschlossen. Zum anderen stürzt Fidesz in Umfragen gerade auf 20 Prozent ab und sinkt immer weiter. Auch das ist wirklich beispiellos. Zugleich wirkt Viktor Orbán nicht wie der Mann, der Fidesz in eine neue Richtung steuern kann. Die Partei steckt in echten Schwierigkeiten.
Die Sozialdemokratin Klára Dobrev nannte Tisza 2024 ein „Fidesz mit einem anderen Namensschild“. Hinter dieser Einschätzung mag politisches Kalkül stecken – aber was können wir in den nächsten Jahren wirklich von Tisza und Magyar erwarten?
Ich denke, sie sehen sich selbst als die Partei, die korrigiert, was in den vergangenen 16 oder sogar 30 Jahren schiefgelaufen ist. Péter Magyar will als derjenige in Erinnerung bleiben, der dafür gesorgt hat, dass so etwas nie wieder passiert. Das ist die Priorität – und mit einer Zweidrittelmehrheit ist es leicht umzusetzen. Es wird in der Partei auch keine kontroversen Debatten darüber geben. Es gibt keine wirklichen Vorbilder, was in dieser Situation zu tun ist, aber es wird wohl um das Wahlgesetz und eine unabhängige Justiz gehen. Vielleicht wird Tisza deshalb sogar wiedergewählt werden. (Interview: Florian Naumann)