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Lidia Jorge erhält den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Eine Würdigung

Auszeichnung

Lidia Jorge erhält den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Eine Würdigung

Geschichtenschreiberin mit soziologischem Blick: Die 1946 geborene Lidia Jorge ist Zeugin der wechselvollen Historie ihres Landes

Sabine Scholl

Aufgewachsen im Algarve, lehrte Lidia Jorge zwischen 1969 und 1974 in den portugiesischen Kolonien Angola und Mosambik, erlebte dort den gewaltvollen Kampf um Unabhängigkeit. Nach 40 Jahren Diktatur befreite sich das westlichste Land Europas 1974 mit einer friedlichen Revolution. Koloniale Erfahrungen aus weiblicher Perspektive verarbeitet Jorge im Roman A Costa dos Murmúrios (1988) – Die Küste des Raunens (1993).

Ausführlich thematisiert sie in Romanen, Erzählungen und Essays seitdem die sich verändernde Rolle der Frau, sowie Nachwirkungen von Gewaltherrschaft und 500 Jahren Kolonialismus auf die postrevolutionäre portugiesische Gesellschaft. Oberflächlich gesehen scheint es, dass sich das "Armenhaus Europas" seit der Befreiung zu einem fortschrittlichen Land gewandelt hat. Jorge aber interessiert sich für verbliebene psychische Folgen von Armut, Repression, Ausbeutung und Rassismus, untersucht mit literarischen Mitteln Traumata und ihre transgenerationelle Weitergabe, wie im Roman Die Stunde der Nelken (2024).

Vielfache Perspektive und Brechung

Im Original Os Memoráveis (2014), die Erinnerungswürdigen, klingt die Ambivalenz im Umgang mit der Vergangenheit bereits an. Vier Jahrzehnte nach der Revolution ist diese zur harmlosen Episode geschrumpft, und die Diktatur scheint in den Augen mancher gar nicht so schlecht gewesen zu sein. Jorge nähert sich der Historie durch vielfache Perspektiven und Brechungen. Die Journalistin Ana, längst nicht mehr in Portugal lebend, wird vom ehemaligen US-Botschafter in Lissabon aufgefordert, die Geschichte vom Ende des Regimes und vom schwierigen Aufbau der Demokratie für einen US-Sender zu dokumentieren. Inzwischen ist die Erinnerung an vieles aber bereits lückenhaft. Dass der Auftrag aus den USA – mit vorgegebenen TV-Erzählmustern – kommt, verschiebt die Sichtweise zudem: Damals befürchteten die USA, dass Portugal kommunistisch werden könnte, politisch rechte Kräfte baten in Briefen die Amerikaner um Hilfe, erfährt Ana.

Die Erzählerin – Tochter eines an der Revolution Beteiligten – findet im Büro des Vaters ein Foto, auf dem einige Revolutionäre, die sie nur unter ihren Tarnnamen kennt, in einem Lokal namens MEMORIES abgebildet sind. Ana begibt sich auf die Suche nach ihnen, um sie für ihre Dokumentation zu befragen. Doch jeder erinnert sich auf seine Weise. Der Koch will nichts Genaues sagen. Der Fotograf meint, er hätte nie an allen Orten des Geschehens gleichzeitig sein können. Der Offizier sammelt Dokumente ohne Ende, um die "Wahrheit" belegen zu können. Der Anwalt, der im Radio die Sendung des Lieds Grandola von José Afonso veranlasste, das als Signal für den Beginn des Aufstands vereinbart war, ist desillusioniert, weil die Erinnerung an die Revolution mittlerweile allgemeiner Gleichgültigkeit gewichen ist. Den inzwischen von seiner Zeitung entlassenen Journalistenvater wagt die Tochter nicht, auf die Vergangenheit anzusprechen.

Die Portugiesische Schriftstellerin Lidia Jorge mit blonden halblangen Haaren sitzt in einem braunen Sessel vor einem Fenster mit Vorhängen. Sie trägt eine hellgrüne, gepunktete Bluse und ein dunkles Unterteil.
Auch die bestens rekonstruierte und dokumentierte Geschichtserzählung bleibt stets unvollständig, denn nicht einmal Zeitzeugen sind zuverlässig, sondern fehlbare Menschen, lautet Lidia Jorges Befund.

Damit verhandelt Jorge Grundfragen der Erzählbarkeit von Historie. Denn die Nelkenrevolution, so genannt, weil den Soldaten als Zeichen der Gewaltfreiheit Nelken in die Gewehrläufe gesteckt wurden, war ein kollektives Ereignis. Eine einzige Erzählung kann also nie das ganze Geschehen umfassen. Dass der Umsturz gelang, hing wesentlich vom Militär ab, das – müde von sinnlosen kolonialen Kämpfen – den Schießbefehl gegen die Aufständischen nicht ausführte. Es gab sogar einen Anonymitätsschwur, erfährt Ana: Einzelne Beteiligte sollten nicht hervorgehoben werden. Bald aber wurde dieser gebrochen. Dann wollten viele als Helden gelten, andere Profit aus ihren Taten schlagen, frühere Unterstützer des Regimes wie die allgegenwärtigen Beamten und Schergen des Geheimdiensts wurden nie belangt. Auch die bestens rekonstruierte und dokumentierte Geschichtserzählung bleibt stets unvollständig, denn nicht einmal Zeitzeugen sind zuverlässig, sondern fehlbare Menschen, lautet Lidia Jorges Befund.

Beschnittene Erfahrung

Ans Ende des Romans setzt die Autorin trotzdem ein geschmeidiges Drehbuch mit ausgewählten Passagen der Gespräche, eindrücklichen Bildern ohne Brüche und Unklarheiten, das Erzählerin Ana für den US-Sender verfasst. Viele wollen mittlerweile die Vergangenheit Portugals tatsächlich so sehen, selbst konservative Portugiesen, doch um den Preis, dass Erfahrungen beschnitten, unterdrückt und negiert werden. Eine geschönte Version lässt sich eben besser verkaufen. Das musste auch Lidia Jorge erfahren. Ihre Werke wurden rund 15 Jahre nicht mehr ins Deutsche übersetzt. Beliebt sind nun Romane, die in einem fiktiven Portugal spielen, verfasst von Autoren mit portugiesischem Pseudonym. Und Portugal hat gelernt, sich anzupassen, um Touristen eine vorwiegend erinnerungslose Version des Landes zu bieten.

Bloß der Dichter Fernando Pessoa, den jeder zu verstehen meint, darf auf Taschen, Stiften und Tassen präsent bleiben. Nun hat erfreulicherweise der Secession-Verlag zwei Romane Jorges publiziert. Obrigada. Portugals jüngere Geschichte und Literatur ist nämlich mindestens so reich(haltig) wie die Creme in den Pastéis de Nata. Lidia Jorge, Zeitzeugin, Geschichtsschreiberin mit soziologischem Blick auf postrevolutionäre und postkoloniale Gesellschaften zeigt mit hoher literarischer Virtuosität eine andere Seite Europas, sowie die allgemeine Sehnsucht, sich im Vergangenen zu Hause fühlen zu wollen, eine gefährliche Tendenz, die den Auftrieb reaktionärer Kräfte allerorten begünstigt. Nun hat Lidia Jorge auch den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur und den Camðes-Preis zugesprochen bekommen, die höchste Auszeichnung für Autor*innen portugiesischer Sprache. Wir gratulieren! (Sabine Scholl, 27.7.2026)

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