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„Kinder und Eltern sind verzweifelt“: Childhood-Haus in Homburg hilft Kindern nach Gewalt – und der Bedarf ist zu groß

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„Kinder und Eltern sind verzweifelt“ Childhood-Haus in Homburg hilft Kindern nach Gewalt – und der Bedarf ist zu groß

Homburg · Das Childhood-Haus des Uniklinikums in Homburg betreut Kinder und Jugendliche, die körperliche und seelische Gewalt erlitten haben. Der Bedarf ist so groß, dass es bereits eine Warteliste gibt. Nun hat Gesundheitsminister Magnus Jung die Einrichtung besucht.

16.07.2026 , 18:10 Uhr

 Der saarländische Gesundheitsminister Magnus Jung (SPD) (Mitte) nutzte den Besuch des Childhood-Hauses in Homburg, um sich mit Leitung und Beschäftigten auszutauschen.

Der saarländische Gesundheitsminister Magnus Jung (SPD) (Mitte) nutzte den Besuch des Childhood-Hauses in Homburg, um sich mit Leitung und Beschäftigten auszutauschen.

Foto: Nils Klein

Das Childhood-Haus in Homburg gilt als Vorreiter in Deutschland. Es war bundesweit zwar nicht das erste seiner Art, jedoch das erste mit einer angeschlossenen Kinder-Trauma-Ambulanz. Seit der Aufnahme des Betriebs im Januar 2025 wurden dort bereits mehr als 200 Kinder betreut. Die Einrichtung schließt die Versorgungslücke, denn für viele Kinder gibt es häufig keine direkte Hilfe. „Hier im Childhood-Haus haben betroffene Kinder nach einer Gewalterfahrung sofort einen Therapieplatz“, erklärt Andrea Dixius, leitende Psychologin und Leiterin der saarländischen Kinder-Trauma-Ambulanz.

Kurze Wege erleichtern betroffenen Kindern Hilfe und Behandlung

Das Childhood-Haus betreut Kinder und Jugendliche, die im Saarland wohnen und deren Gewalterfahrung nicht länger als zwölf Monate zurückliegt. „Um in der Kinder-Trauma-Ambulanz behandelt werden zu können, müssen beide Elternteile zustimmen“, sagt Dixius. Psychologische Psychotherapeuten, Kinder-und Jugendpsychotherapeuten, Ärzte und ein Diagnostikteam kümmern sich um betroffene Kinder. Rund 70 bis 80 Kinder betreut das Childhood-Haus jährlich. 48 Prozent der betreuten Kinder und Jugendlichen werden von Privatpersonen und Polizei an das Childhood-Haus verwiesen. Die Wege sollen für die betroffenen Kinder bewusst kurz gehalten werden.

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Königin Silvia von Schweden in Homburg zu Besuch

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Foto: Mascha-lois Mayerhoff

In dem Childhood-Haus kümmert sich ein interdisziplinäres Team aus Psychologinnen und Psychologen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, Rechtsmedizinerinnen und Rechtsmedizinern sowie Fachärztinnen und Fachärzten für Kinder- und Jugendgynäkologie und Kinder- und Jugendpsychiatrie um Kinder und Jugendliche, die körperliche oder sexualisierte Gewalt erfahren haben oder bei denen ein entsprechender Verdacht besteht. Das Childhood-Haus bietet ihnen einen geschützten Ort, an dem Untersuchungen, Befragungen und Beratungen möglichst kindgerecht und belastungsarm durchgeführt werden. Dabei arbeiten Polizei, Staatsanwaltschaft und Justiz eng mit Fachkräften aus Medizin, Psychologie und Jugendhilfe zusammen.

„Sollte der Bedarf bestehen, nimmt die Polizei auf Wunsch der Betroffenen direkt vor Ort die Anzeige auf“, erklärt Eva Möhler, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum des Saarlandes. Sie ist verantwortlich für das Childhood-Haus. Alle Psychologen seien aussagepsychologisch ausgebildet. Bewusst verzichten sie dabei auf suggestive Fragen, die die Aussagen der Betroffenen beeinflussen könnten.

Frühzeitige Unterstützung stabilisiert traumatisierte Kinder

Wichtig sei es, Kinder nach einem traumatischen Erlebnis frühzeitig zu identifizieren. „Je früher, desto besser“, erklärt Dixius. Das Problem: Viele misshandelte Kinder werden erst gar nicht als Opfer erkannt. Passiert das früher, stehen die Chancen besser, dass die seelische Gesundheit stabilisiert bleibt oder werden kann. Die Dunkelziffer bleibt weiter hoch. „Wir gehen davon aus, dass diese bei rund 90 Prozent liegt“, schätzt Möhler. Sie appelliert, verstärkt in der frühkindlichen Bildung anzusetzen. So könnten Psychologen in Jugendhilfe-Einrichtungen oder Kindertagesstätten eine Rolle spielen. Möhler sieht darin den Vorteil, dass Erzieherinnen noch besser geschult werden könnten, Stressresilienz und Emotionsregulation zu fördern.

„Wir können ein Trauma nicht ungeschehen machen, aber wir können verhindern, dass der Umgang damit einen noch größeren Schaden anrichtet“, bekräftigt Möhler. Eine stärkere Verankerung von Emotionsregulationstraining in den Kindertagesstätten soll betroffenen Kindern helfen, ihre Gefühle zu benennen und besser mit ihnen umzugehen.

Königin Silvia von Schweden weihte das Haus persönlich ein

Wie sehr das Childhood-Haus gebraucht wird, davon ist der saarländische Gesundheitsminister Magnus Jung (SPD) überzeugt. Vor allem weil der Mangel an psychotherapeutischer Unterstützung so groß ist. „Es ist eines der größten Probleme, dass wir Kinder mit psychischen Problemen nicht ausreichend versorgen können“, bedauert Jung. Das Childhood-Haus in Homburg sei im Kinderschutz ein Vorzeigeprojekt. Genau das soll es auch bleiben. Der Bedarf der Traumatherapie im Saarland ist jedoch groß. Aktuell gibt es eine Warteliste. „Kinder und Eltern sind deshalb verzweifelt“, berichtet Dixius. Die Traumatherapie sei die einzige Therapie, die nachweislich helfen könne und betroffene Kinder und Jugendlichen wirksam unterstützt. Ein ausreichendes Angebot fehlt allerdings.

Hinter dem Haus in Homburg steht die World Childhood Foundation. Königin Silvia von Schweden gründete die Stiftung 1999. Schon damals setzte sie sich das Ziel, Kinder weltweit zu unterstützen. Deutschlandweit gibt es mittlerweile zwölf solcher Häuser, darunter in Hamburg, Berlin oder München. Die Childhood Foundation plant, in den kommenden Jahren mindestens ein Childhood-Haus zu eröffnen. (pn)