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Kinder in der Ukraine: „Wir möchten, dass ihr uns zuhört“

Während Schülerinnen und Schüler in Deutschland in diesen Wochen ihre Abschlüsse feiern, endet die Schulzeit von Kindern und Jugendlichen in der Ukraine unter Kriegsbedingungen. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges am 24. Februar 2022 wurde dort jede sechste Schule beschädigt oder zerstört. Nun hat eine Gruppe von ukrainischen Kindern und Jugendlichen in einem offenen Brief an Regierungschefs aus der ganzen Welt gefordert, ihrem Recht auf Bildung, Wohnraum und Gesundheitsversorgung Priorität einzuräumen. Sie berichten unter anderem vom Lernen bei Kerzenschein und während Luftalarmen und dringen auf zuverlässiges Internet und Lernmaterialien sowie Schulen, die für alle zugänglich sind.

Der 17-jährige Artem* aus der ukrainischen Region Mykolajiw hält ein Foto von sich hoch. Aufgenommen wurde es während seiner Grundschulzeit in seiner Schule, die heute durch Beschuss beschädigt ist.

Der 17-jährige Artem* aus der ukrainischen Region Mykolajiw hält ein Foto von sich hoch. Aufgenommen wurde es während seiner Grundschulzeit in seiner Schule, die heute durch Beschuss beschädigt ist.

©Dmytro Sazonov / Save the Children
Auch der 16-jährige Dmytro*, der dieses Jahr seinen Schulabschluss gemacht hat, ist an seine zerstörte Grundschule zurückgekehrt.

Auch der 16-jährige Dmytro*, der dieses Jahr seinen Schulabschluss gemacht hat, ist an seine zerstörte Grundschule zurückgekehrt.

©Dmytro Sazonov / Save the Children
Das Fotoprojekt hat die Nichtregierungsorganisation Save The Children initiiert, um auf das Leid der Schülerinnen und Schüler in der Ukraine aufmerksam zu machen.

Das Fotoprojekt hat die Nichtregierungsorganisation Save The Children initiiert, um auf das Leid der Schülerinnen und Schüler in der Ukraine aufmerksam zu machen.

©Dmytro Sazonov / Save the Children

Auch mehr als vier Jahre nach Beginn des Krieges verschlechtert sich die Lage von Kindern in der Ukraine weiter. Nach bisherigen Angaben wurden mindestens 3.500 Kinder getötet oder verletzt. Viele weitere leiden unter den psychischen Folgen des Krieges, haben Angehörige verloren oder leben in dauernder Unsicherheit. Seit Beginn der Kämpfe wurden rund 3,9 Millionen Menschen innerhalb der Ukraine vertrieben, unter ihnen etwa 860.000 Kinder. Weitere 5,8 Millionen Menschen suchten Schutz im Ausland.

Im Vorfeld der internationalen Ukraine-Wiederaufbaukonferenz Ende Juni in Danzig mahnten ukrainische Kinder und Jugendliche an, ihre Bedürfnisse und Rechte bei den Planungen stärker zu berücksichtigen. Die 16 Mitglieder der Kinderberatungsgruppe von Save the Children wenden sich dazu in einem offenen Brief vom 25. Juni an die teilnehmenden Staats- und Regierungschefs. Sie verlangen, dass der Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung und angemessenem Wohnraum beim Wiederaufbau Priorität erhält. Zudem fordern sie verbindliche Beteiligungsmöglichkeiten, etwa durch einen Jugendrat, und die Zusicherung, dass alle Kinder von den Wiederaufbaumaßnahmen profitieren.

„Der Krieg hat ihnen die Kindheit geraubt und ihr Leben für immer verändert“, sagt Florian Westphal, Geschäftsführer von Save the Children Deutschland, der zuletzt im Februar 2026 die Ukraine besucht hatte. „Jetzt ist es entscheidend, endlich die Bedürfnisse und Perspektiven der Kinder in der Ukraine in den Mittelpunkt zu stellen. Kinder haben ein Recht darauf, den Wiederaufbau ihres Landes mitzugestalten.“

Das Deutsche Schulportal veröffentlicht hier den Brief der Kinderberatungsgruppe.

Liebe Staats- und Regierungschefs der Welt,

ein Land kann nicht verlieren, wenn seine Kinder an es glauben. Und wir glauben daran. Wir sind die Kinder und Jugendlichen der Ukraine. Und wir haben bereits drei verschiedene Lebensabschnitte durchlebt. Wir erinnern uns an den Frieden. Wir leben im Krieg. Und wir denken bereits über den Wiederaufbau nach. Denn wir sind es, die hier leben werden. Wir werden hier träumen. Wir werden hier die Zukunft gestalten. Und wir möchten, dass ihr uns zuhört.

Stellt sicher, dass der Wiederaufbau ausnahmslos jedem Kind zugutekommt.

Wir möchten euch einen Einblick in unseren Alltag geben. Wir haben bei Kerzenschein gelernt. Wir saßen in Luftschutzbunkern statt in Klassenzimmern. Einige von uns haben Prüfungen direkt nach einer Nacht abgelegt, die von Luftschutzsirenen unterbrochen wurde. Manche sind aus ihrer Heimat geflohen und wissen noch immer nicht, ob sie jemals zurückkehren werden. Einige von uns haben Behinderungen, und für sie war jeder einzelne Tag doppelt so schwer. Manchmal ist es sehr schwer, die Kraft zu finden, weiterzumachen. Manchmal wünscht man sich einfach, dass jemand neben einem steht und sagt: „Alles wird gut.“ Aber wir hören nicht auf. Wir machen weiter. Denn wir geben nicht auf.

Wir wissen, dass ihr Erwachsenen gerade darüber entscheidet, wie unser Land in Zukunft aussehen wird. Aber wenn diese Entscheidungen ohne uns getroffen werden, werden viele von uns einfach weggehen. Nicht, weil wir die Ukraine nicht lieben. Sondern weil wir nicht das Gefühl haben werden, dass dieses Land auch unser Land ist. Und dann wird niemand mehr da sein, um eine neue Gesellschaft aufzubauen. Diejenigen, die gegen uns kämpfen, glauben, sie würden gewinnen. Aber sie haben bereits verloren. Denn wir sind hier. Wir schreiben diesen Brief. Und wir geben nicht auf.

Die Schulabsolventin Nelia* aus Mykolajiw möchte studieren und später im Konsulat arbeiten. Sie erinnert sich gut an ihre nun in Trümmern liegende Grundschule.

Die Schulabsolventin Nelia* aus Mykolajiw möchte studieren und später im Konsulat arbeiten. Sie erinnert sich gut an ihre nun in Trümmern liegende Grundschule.

©Dmytro Sazonov / Save the Children
Auch die ehemalige Grundschule des 16-jährigen Denys* wurde im Krieg zerstört.

Auch die ehemalige Grundschule des 16-jährigen Denys* wurde im Krieg zerstört.

©Dmytro Sazonov / Save the Children

Deshalb fordern wir konkrete Maßnahmen. Richten Sie einen Jugendrat für den Wiederaufbau ein, damit unsere Stimme wirklich Gehör findet. Stellen Sie uns zuverlässiges Internet und Lernmaterialien zur Verfügung, denn die Prüfungen wurden zwar nicht abgesagt, aber Online-Unterricht ist nahezu unmöglich. Fördern Sie Stipendien für ein Studium im Ausland. Starten Sie Programme zur psychologischen Betreuung von Jugendlichen – sie sind für unser Wohlbefinden unverzichtbar. Helft denen, die ihr Zuhause verloren haben; Wohnprogramme für Jugendliche und Binnengeflüchtete sind von großer Bedeutung. Und stellt sicher, dass der Wiederaufbau ausnahmslos jedem Kind zugutekommt. Macht Notunterkünfte für Kinder mit Behinderungen zugänglich. Macht Schulen für alle zugänglich. Stellt sicher, dass jedes Kind – unabhängig davon, ob es eine Behinderung hat, sein Zuhause verlassen hat oder geblieben ist – gleiche Chancen hat. Denn Wiederaufbau ohne Inklusion ist kein echter Wiederaufbau. Und unterstützt unsere Kultur und Kreativität, denn ein geeintes Land beginnt mit einer geeinten Jugend.

Ein Land kann nicht verlieren, wenn seine Kinder an es glauben. Wir glauben daran. Von ganzem Herzen. Nehmt uns mit, und gemeinsam werden wir es schaffen.

Mit Liebe und Hoffnung
die Kinder und Jugendlichen in der Ukraine

Die 16-jährige Hanna* kehrt nach ihrem Schulabschluss an ihre Grundschule zurück. Innerhalb der Ukraine sind seit Kriegsbeginn 860.000 Kinder vertrieben worden.

Die 16-jährige Hanna* kehrt nach ihrem Schulabschluss an ihre Grundschule zurück. Innerhalb der Ukraine sind seit Kriegsbeginn 860.000 Kinder vertrieben worden.

©Dmytro Sazonov / Save the Children
Jede sechste Schule in der Ukraine – auch die von Artem* (17) – wurde seit Februar 2022 beschädigt oder zerstört.

Jede sechste Schule in der Ukraine – auch die von Artem* (17) – wurde seit Februar 2022 beschädigt oder zerstört.

©Dmytro Sazonov / Save the Children
Kseniia* möchte nach dem Ende ihrer Schulzeit in das sicherere Lwiw im Westen der Ukraine ziehen. Dort will sie studieren und Polizistin werden.

Kseniia* möchte nach dem Ende ihrer Schulzeit in das sicherere Lwiw im Westen der Ukraine ziehen. Dort will sie studieren und Polizistin werden.

©Dmytro Sazonov / Save the Children
Sofiia*, 17, wird sich nach ihrem Abschluss auf eine Kochschule bewerben, weiß aber noch nicht, ob das klappt. Ihr Wunsch: „Ich träume, dass all dies enden und es Frieden geben wird.“

Sofiia*, 17, wird sich nach ihrem Abschluss auf eine Kochschule bewerben, weiß aber noch nicht, ob das klappt. Ihr Wunsch: „Ich träume, dass all dies enden und es Frieden geben wird.“

©Dmytro Sazonov / Save the Children

* Die Vornamen der abgebildeten Jugendlichen sind zu ihrem Schutz abgeändert worden.

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