„Nein“, sagt Gerhard Steidl am Telefon, und wer ihn kennt, hat ihn genau vor Augen. Im weißen Kittel wie ein Laborant, an seinem Arbeitsplatz zwischen meterhoch gestapelten Manuskripten und Hunderten von Fotokartons, vollgepackt mit Ideen. Zweitausend Anfragen von Fotografen erhält Gerhard Steidl jedes Jahr, ob sie mit ihm ein Buch machen dürften. Denn jeder weiß, dass ihm niemand ein besseres macht. „Nein“, sagt er also in sein einfaches Handy, mit dem man nichts anderes tun kann, als zu telefonieren, „der Steidl Verlag ist nicht pleite. Und ich selbst habe auch nie Insolvenz angemeldet.“
Dann räumt er zwar einen Insolvenzantrag ein, den unsinnigerweise jemand anderes gestellt habe, und auch, dass es Mahnschreiben gegeben habe sowie nicht unerhebliche Verzögerungen bei Gehaltszahlungen an seine Mitarbeiter, aber alles sei auf einem guten Weg. Und wenn er mehr schwarzen Humor besäße, müsste er dem „Spiegel“ für die Meldung von der „finanziellen Schieflage“ vor ein paar Tagen streng genommen dankbar sein, denn daraufhin hätten sich allein übers Wochenende zwölf Investoren mit ernsthaftem Interesse am Unternehmen gemeldet.
Ein zögerlicher Investor
Zugleich boten ihm dreihundert Künstler, mit denen er zusammenarbeitet, per E-Mail Spenden in unterschiedlicher Höhe an. Für einen Nachruf auf den Verlag jedenfalls, wie sich der Post des Fotografen Koto Bolofo dieser Tage auf Instagram interpretieren ließ, in dem er all seine Bücher aufschichtet, bis ein Turm aus zwei Dutzend Bänden zu wackeln beginnt, und sich bei Gerhard Steidl und dessen Team für die hervorragende Zusammenarbeit bedankt, für solch einen Nachruf ist es zu früh.
Die Probleme jedoch sind nicht neu. Seit gut einem Jahr verhandelt Gerhard Steidl mit einem Schweizer Unternehmen. Die Verabredung sah vor, dass alles beieinander bleibe: der Verlag, die Druckerei und überhaupt das ganze kleine Imperium aus mehr als einem halben Dutzend Immobilien samt Kunsthaus, Günter-Grass-Archiv und einer Privatpension entlang der Düsteren Straße in Göttingen, für das die Künstlerin Roni Horn einst den Namen „Steidlville“ geprägt hat. Auch sah die Verabredung vor, dass er die Leitung behalte, bis er eines Tages in der Druckerei tot umfalle. So war es ausdrücklich sein Wunsch. Der Investor müsse deshalb unbedingt, sagt er, und bittet um Nachsicht für die Vermessenheit, „ein Interesse am Kulturgut Steidl-Buch haben“. Aber es habe sich im vergangenen Jahr wirtschaftlich so viel verändert, dass der Schweizer Interessent heute „nachdenklicher“ sei als zu Beginn der Verhandlungen, was wohl bedeuten soll: zurückhaltender.
Qualität als Rezept gegen den Niedergang
Als Gerhard Steidl später im Gespräch erschreckend offen verrät, dass er keine Schande darin sehe, am Anspruch höchster Qualität pleitezugehen, und auf Harry Graf Kessler und dessen Cranach-Presse zu sprechen kommt sowie auf Karl Dietrich Wolff und den Stroemfeld Verlag, macht er allerdings schnell einen Rückzieher. Er denke gar nicht daran, aufzugeben; im Gegenteil. Unschlagbare Qualität sei gerade sein Rezept gegen den Niedergang. Mit einer neuen Reihe „Non Plus Ultra“ will er Bücher publizieren, die allerhöchste Standards erfüllen. Und obwohl die Bände 185 Euro kosten werden, glaubt er an deren Erfolg. Mut macht ihm nicht zuletzt der gute Verkauf seiner „Pharmacy“-Box mit zehn Bänden von Damien Hirst. Sie kostet 4000 Euro. Gute Fotobücher, sagt Gerhard Steidl, fänden auf dem darbenden Buchmarkt noch immer eine „komfortable Nische“. Er sagt es ernst und überzeugend. Und doch vermittelt sich ein Gefühl von Zweckoptimismus.
„Gerhard, sind wir arm?“ Der Verleger Gerhard Steidl mit Karl Lagerfeld, dessen Fotobücher er verlegtdpaDenn die Preise galoppieren davon. Papier kostet heute doppelt so viel wie noch vor einem Jahr, grafisches Papier, wie Steidl es braucht, sogar dreimal mehr. Erschwerend kommt hinzu, dass einer seiner wichtigsten Lieferanten gerade Insolvenz angemeldet hat – ein Unternehmen mit einer immerhin dreihundertjährigen Geschichte. Ebenfalls verdoppelt haben sich die Preise der Buchbindereien. Schneller als geahnt seien so durch die Vorfinanzierung der jüngsten Produktion die liquiden Mittel aufgebraucht gewesen. Und auch mit seinem bisher größten Vorteil, dem globalen Verkauf, erlebe er Schwierigkeiten. China, das einst dreißig Prozent des Umsatzes ausgemacht habe, sei eingebrochen. Einerlei, was er nach Hongkong schicke, den Hub für das chinesische Festland, es käme neuerdings geöffnet und zerfleddert mit Beanstandungen der Zensurbehörde zurück. Auf dem amerikanischen Markt indes machen ihm die neuen Zölle zu schaffen. Buchhändler wie private Sammler verlangten von ihm, dass er die Kosten übernehme.
Streben nach Perfektion
Sein Ruf als Verleger und Drucker freilich bleibt davon unbeschadet. Mit mehr als fünftausend publizierten Bänden, darunter das Gesamtwerk Robert Franks, gut und gern zwei Dutzend Bänden mit Fotografien William Egglestons, seinen Schubern mit Arbeiten von Lewis Baltz oder Bruce Davidson und den zahlreichen Titeln von Nan Goldin, Dayanita Singh, Joel Sternfeld, Edward Burtynsky oder Mary Ellen Mark hat er seine Position in der Fotografiegeschichte längst zementiert. Und welcher Verleger sonst wäre jemals auf die Idee gekommen, je einen Band seiner Jahresproduktion auf einer Palette als Gesamtpaket anzubieten?
Das mag sich an Institutionen und Bibliotheken richten, aber man wunderte sich nicht, wenn Kunstsammler die eingeschweißte Palette als Skulptur in ihre Häuser holten. Seine Wanderausstellung „Steidl Book Culture“, berichtet er nicht ohne Stolz, mache sich nach Stationen in Südkorea und Singapur demnächst auf den Weg nach Sydney, gefolgt von Tokio, Los Angeles, Chicago und New York, bevor sie dann Europa erreiche. Das klingt nach effizientem Manager. Dabei gleicht Gerhard Steidls Lebensgeschichte in etlichen Zügen eher einem Schelmenroman. Dabei leiten ihn von jeher vor allem zwei Gedanken: das Streben nach Perfektion und eine gewisse Unverfrorenheit, wenn es darum geht, Menschen anzusprechen.
Qualität für Karl Lagerfeld
Begonnen hat alles in einer Garage, nur einen Steinwurf vom heutigen Unternehmenssitz entfernt. Dort kam Gerhard Steidl 1950 zur Welt. Und dort hat er sich nach dem Abitur eine Siebdruckwerkstatt eingerichtet. Die Technik erlernte er in Andy Warhols Factory in New York. Erste Aufträge holte er sich bei Klaus Staeck, mit dem er 1971 eine Plakataktion für Nürnberg veranstaltete, während dort die Haus- und Grundbesitzer tagten. „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“, stand über der Dürer-Zeichnung von dessen verhärmter, ins Leere starrenden Mutter. Dreihundertmal klebten sie den Entwurf an Litfaßsäulen, anschließend verkauften sie das Plakat zehntausendmal. Durch Staeck lernte Steidl Marcel Broodthaers und Nam June Paik kennen, dann Joseph Beuys, dem er kaum noch von der Seite wich und dem er fortan etliche Bücher druckte.
Weshalb noch niemand seinen Grafiken einen Band gewidmet habe, fragte er wenig später Günter Grass, investierte in eine bessere Druckmaschine und brachte 1986 das Buch „In Kupfer, auf Stein – Lithographien und Radierungen“ heraus. Bald übernahm er auch dessen Romane und erwarb 1993 die Weltrechte am Gesamtwerk. Sechs Jahre vor dem Nobelpreis. Auch Karl Lagerfeld überzeugte er mit Qualität. Er schickte Probedrucke von dessen Fotografien nach Paris und bot an, einen Bildband zu verlegen. Lagerfeld war begeistert. Steidls Hinweis, es handele sich um sehr teures Papier, wischte der Modemacher elegant zur Seite: „Gerhard, sind wir arm?“ Der Bildband erschien 1993. Er heißt „Off the record“. Grass und Lagerfeld waren fortan die Standbeine des Verlags. Damit ließ es sich gut leben. Jüngst allerdings machte der Verkauf der Grass-Romane nur noch 0,2 Prozent des Umsatzes aus, und Ste+idl hat die Rechte an die Günter-Grass-Stiftung abgetreten. Wie er überhaupt das literarische Programm erheblich zurückfahren will und sich sein Interesse daran, mit dem Werk Verstorbener zu arbeiten, immer schon in Grenzen hielt. So war für ihn auch das „Gesamtwerk“ Robert Franks mit dessen Tod vollendet.
Bücher für Milliardäre
Heute übernimmt Steidl auch Druckaufträge von Privatpersonen, die sich in ihrer Freizeit zu künstlerischer Tätigkeit berufen fühlen und denen es an Geld nicht mangelt – „BFB“ nennt er das: „books for billionairs“, Bücher für Milliardäre. Wie bei den Großen überwacht er von der Bildauswahl und der Typographie bis zum Format des Buchs und dem Leinen des Umschlags jeden Arbeitsschritt. Genau genommen ist der Steidl Verlag ein Einmannbetrieb mit achtzehn Angestellten. Für noch die geringsten Veränderungen von Farbwerten in der Druckerei bestimmt allein er die Prozentzahlen.
Seine Druckmaschine hat Gerhard Steidl bei Gelegenheit sein Lebenselixier genannt. Und wenn man zugeschaut hat, wie er vor zwei Jahren den Einbau der neuen Druckmaschine verfolgte, seiner Roland 706 3B Evolution Elite, die mit ihren sechs Türmen auf eine Länge von dreizehn Metern kommt, dann konnte man den Eindruck gewinnen, er begrüße ein neues Familienmitglied. Tatsächlich sprach er im Zusammenhang mit dem, was er Qualitätssicherung nennt, von einem „Generationenvertrag“. Die alte Maschine lief auch nach zwölf Jahren noch wie am Schnürchen.
Aber er wollte sich die jüngste Version des Vorgängermodells sichern, bevor das Modell aufgrund der Fortschritte im Digitaldruck nicht mehr hergestellt wird. Ja, gestand Gerhard Steidl damals, und schaute dabei so ernst, wie er immer schaut, ja, das sei eine Investition in die Vergangenheit und zugleich ein Versprechen für die Bücher der Zukunft. Wenn die Maschine derzeit stillsteht und ihr sonst konstantes Rattern nicht bis auf die Straße dringt, hat das nichts mit Problemen im Verlag zu tun. Der macht momentan schlicht Betriebsferien.
Um seine Erfahrungen an eine neue Generation weiterzugeben, holt er jetzt am Telefon aus, wolle er im Herbst seit zehn Jahren zum ersten Mal wieder Azubis einstellen. Und sich sehr viel Zeit nehmen, sie in die Geheimnisse der Druckkunst einzuführen. Angst vor der Pleite sieht anders aus.