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Seit vielen Jahren suche ich nach Spuren. Ich suche nach dem Ort, an dem das Leben meiner Urgroßmutter ein gewaltsames Ende fand. Sie lebten in Wilejka, damals Polen, heute Belarus. Chaya Silberman war eine fromme Jüdin, die Tochter eines Schneiders, die früh zur Witwe wurde und ihre fünf Kinder allein großzog. Drei von ihnen kamen mit der Mutter im Holocaust um. Das einzige schriftliche Zeugnis, betrifft ihren Sohn Rafael – ein Dokument, das seinen Tod im Ghetto von Vilnius 1941 belegt.
Ich besitze noch Fotos von Chaya und ihren Kindern. Ich blicke oft auf diese Gesichter und frage mich: Was für ein Leben hätten sie geführt, wenn sie nicht ermordet worden wären? Diese Bilder zeigen mir keine historischen Figuren, sondern Mitglieder meiner Familie, deren Zukunft ausgelöscht wurde. Chayas Name und die Namen ihrer Kinder stehen nicht auf der Liste der ermordeten Juden aus Wilejka in Yad Vashem. Doch die Liste ist unvollständig; die Gedenkstätte forscht weiter, und es kommen ständig neue Namen hinzu. Ich weiß nur aus Erzählungen einer Verwandten, dass sie dort gemeinsam starben. Aber bis heute bleibt ihr genauer Todesort ein schmerzhaftes Rätsel.
Die Berichte auf den Seiten von Yad Vashem über das Schicksal der Juden dort sind von unvorstellbarer Grausamkeit: „Am 2. März 1942 verübten die Nazis ihr drittes Massaker an Juden. Bei dieser Mordaktion trieb der SD Wilejka unter dem Vorwand, sie in ein anderes Ghetto zu verlegen, etwa 300 Juden zusammen, brachte sie ins Stadtgefängnis und erschoss die meisten von ihnen im Gefängnishof. Berichten zufolge transportierten die Deutschen einige Opfer mit Lastwagen zum südwestlichen Stadtausgang, erschossen sie und verbrannten die Leichen in einem verlassenen Holzgebäude.“
Wenn ich diese Zeilen lese, stockt mir der Atem. Dass ich den genauen Ort und das Schicksal ihrer letzten Stunden noch nicht kenne, gibt mir eine leise, verzweifelte Hoffnung: Die Hoffnung, dass sie vielleicht nicht ganz so schrecklich leiden musste. Aber man kann körperliche Schmerzen nicht messbar machen. Es gibt kein Maß. Der Einfluss, den die ausgelöschten Schicksale infolge des Holocausts auf das Leben der nachgeborenen Generationen ausüben, ist unendlich groß. Es gibt keine Tradierung, keine Erzählungen. Es gibt eine Leere, die man weder beseitigen noch nachempfinden kann. Besonders schmerzhaft ist es, wenn das Schicksal der Ermordeten unbekannt bleibt. Genau deshalb berührt mich in der vierten Generation nach dem Holocaust die aktuelle Debatte um die geplanten Bildungszentren von Yad Vashem in München und Leipzig so tief.
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Der Kampf um das Erinnerungsmonopol
Als ich von den geplanten Yad-Vashem-Zentren in Deutschland erfuhr, begann ich, die Presseberichte zu verfolgen. Während die Politik dieses Vorhaben parteiübergreifend begrüßt, äußern Akteure der deutschen und israelischen Gedenkkultur deutliche Vorbehalte. Die Hauptgegner in den Medien sind Meron Mendel (Direktor der Bildungsstätte Anne Frank), Moshe Zimmermann (israelischer Historiker) und Jens Christian Wagner (Direktor der Gedenkstätte Buchenwald). Diese Kritiker werden in Deutschland extrem geschätzt und gehört.
Meron Mendel befürchtet im Deutschlandfunk Kultur und im Spiegel einen Import des offiziellen israelischen Staatsnarrativs. Er warnt vor politischer Einflussnahme und befürchtet, dass die Trennlinie zwischen Antisemitismus und Israelkritik verwischt wird. Moshe Zimmermann bezieht eine der schärfsten Gegenpositionen. In einem taz-Interview nannte er die möglichen Bildungszentren in München und Leipzig „fehl am Platz“ und „kontraproduktiv“. Jens Christian Wagner wiederum betont im Rundfunksender Bayern 2 einen methodischen Unterschied. Er argumentiert, dass die deutsche Erinnerungsarbeit auf einer quellenkritischen Analyse der Tätergesellschaft basiere, während Yad Vashem auf emotionale Erzählungen setze.
Ich stelle mir die Frage: Was bedeutet es überhaupt, beim Gedenken an den Holocaust „eigene pädagogische Reviere“ zu verteidigen? Wer kann bemessen, welche Methode relevanter ist? Wer um den Erfolg der eigenen pädagogischen Methoden bangt, steht argumentativ auf dünnem Eis. Es darf kein starres Lehrbuch für das Erinnern geben. Man kann nicht darüber streiten, wer wie gedenken darf – unabhängig davon, ob man die Tätergesellschaft oder die Opfer vertritt. Diese Debatte scheint mir so irrelevant zu sein wie ein Streit ums Erbe angesichts einer frischen Leiche.
Ich finde, dass die Debatte um Antisemitismus und Israelkritik Yad Vashem künstlich politisiert. Sie lenkt vom eigentlichen Kernauftrag der Institution ab: der historischen Aufklärung. Zimmermann und Mendel gehören dem säkularen, liberal-linken Spektrum an, das sich in Israel seit Jahren in einer politischen Minderheit befindet. Beide fürchten das israelische, konservative Staatsnarrativ. Ursprünglich ist Yad Vashem eine staatliche Institution – das muss man akzeptieren –, aber sie ist kein verlängerter Arm des israelischen Außenministeriums. Anstatt bestehende deutsche Institutionen der Täteraufarbeitung durch eine Kooperation mit Israel zu stärken, sehen die Kritiker in den neuen Zentren eine konkurrierende Parallelstruktur.
Chaya Silberman mit den Kindern Rafail und Chwena
© Privat
Bei der Gründung ging es nicht um Politik
Ein Blick in die Geschichte zeigt: Yad Vashem bedeutet „Denkmal und Name“ nach Jesaja 56,5: „Einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll.“ Im Jahr 1953 verabschiedete die Knesset einstimmig das Gesetz zur Gründung der Gedenkstätte. Dazu gehören die Sammlung der Namen der Holocaust-Opfer, pädagogische Arbeit, die Dokumentation persönlicher Zeugnisse von Überlebenden sowie historische Forschungen.
Der Staat Israel war damals erst fünf Jahre alt. Er entstand aus verschiedenen historischen Gründen, wobei der Holocaust an den europäischen Juden eine zentrale Rolle spielte. Bei der Gründung von Yad Vashem ging es damals nicht um Politik, es ging um Traumata und deren Bewältigung durch Trauerarbeit.
Für die Überlebenden und Angehörigen – so wie mich – geht es auch heute noch genau darum. Nicht mehr und nicht weniger. In der Presse und in den sozialen Medien habe ich jedoch keine Stimme von direkten Opfervertretern gefunden. Die Argumentation und Kritik blieben Wissenschaftlern, Funktionären und Institutsleitern überlassen; ihr Fokus liegt auf politischer Analyse und gesellschaftlichen Strukturen. Es fehlt die Perspektive und die Stimme der Holocaust-Opfer oder deren Nachfahren.
Jens-Christian Wagner (Direktor der Gedenkstätte Buchenwald) hat eine andere Meinung als unsere Autorin.
© Jacob Schröter/imago
Der Trigger der Vergangenheit
Ich stelle mir die Frage: Warum wieder Israel? Warum so viel Polemik, so viel obsessive Aufmerksamkeit und so viele Debatten über die Eröffnung einer Außenstelle von Yad Vashem, die eigentlich eine rein kulturelle und dokumentarische Einrichtung ist? Warum werden beispielsweise Kultureinrichtungen aus China, Japan oder Madagaskar geräuschlos akzeptiert? Niemand würde den chinesischen Konfuzius-Instituten oder japanischen Kulturzentren vorwerfen, die deutsche Souveränität zu untergraben, die pädagogische Arbeit zu beeinflussen oder einen Machtanspruch fremder Regierungen auszuüben.
Die Antwort liegt in der unterbewussten Schuld der Deutschen. Israel wird in der deutschen Psyche nicht wie ein normales Ausland behandelt, sondern fungiert als Trigger für die deutsche Vergangenheit. Während ein chinesisches Kulturzentrum reine Außen- oder Wirtschaftspolitik darstellt, berührt man bei Israel den schmerzhaften Kern der Geschichte.
Das Projekt Yad Vashem wird von politischer Seite fast wie eine Art moralische Entlastung durch eine institutionelle Dienstleistung instrumentalisiert – man sucht nach einer absoluten Aufarbeitung. Gleichzeitig reagiert die deutsche und israelkritische Fachwelt hochgradig allergisch, weil sie ihr gefühltes Monopol auf die Gedenkkultur bedroht sieht.
Aber was hat diese Polemik um Macht und Deutungshoheit mit den Opfern zu tun? Die bittere Antwort lautet: fast nichts. Und genau das ist das Tragische. Durch diesen Streit geraten die ausgelöschten Schicksale völlig in den Hintergrund.
Das legitime Monopol auf die Erinnerung gehört einzig den Opfern – frei von Grenzen und Politik. Angesichts von Chayas Foto wirkt dieser Machtkampf nur erbärmlich. Meine Hoffnung, einen Stolperstein auf ihr wahres Grab zu legen, darf nicht in politischen Streitigkeiten versinken.
Die Geografie des Vergessens
Für Chaya und ihre Kinder gibt es keinen Stolperstein vor einer Haustür. Ihr Ende liegt im Osten Europas, an Orten, die in der deutschen Erinnerungskultur oft blinde Flecken geblieben sind. Uns rennt die Zeit davon, diese Orte und die dazugehörigen Akten endgültig zu erforschen, bevor sie im Dunkeln der Geschichte verschwinden.
Yad Vashem verfügt über das weltweit größte Archiv und eine einzigartige Expertise in der Erforschung des Holocaust – insbesondere in Osteuropa, woran es in Deutschland fehlt. Wenn diese Institution feste Zentren in Deutschland eröffnet, bringt sie dieses unschätzbare Wissen und den Zugang zu den Archiven direkt zu uns. Es geht dabei nicht um Geopolitik oder Machteinflüsse. Es geht darum, Historiker und Angehörige dabei zu unterstützen, die Puzzleteile der Geschichte zusammenzusetzen. Die Zentren in München und Leipzig sind bitter nötig. Sie sollen eine Lücke in der deutschen Erinnerungskultur schließen.
Ich habe eine Vision: die Bildungszentren von Yad Vashem in Deutschland als globales Archiv, als lebendige Orte des Lernens und als Schutzwall gegen den spürbar wachsenden Antisemitismus. Damit ich irgendwann weiß, wo Chaya Silberman mit ihren Kindern die letzte Ruhe fand. Deshalb sage ich ganz deutlich: Yad Vashem in Deutschland – ja!
Hana Silbermann lebt in Köln und forscht als Angehörige der vierten Generation zur eigenen Familiengeschichte sowie zur Erinnerungskultur. Transparenzhinweis: Die Autorin verwendet ein Pseudonym, der wahre Name ist der Redaktion bekannt.Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
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