Stand: 24.07.2026, 21:10 Uhr
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Eine vierfache Mutter berichtet vom „genialen“ Wassertrick ihrer Großmutter bei Kinderchaos. Eine Expertin für kindliche Emotionsregulation hält ihn für sinnvoll.
Frankfurt – „Wenn Kinder eskalieren, denken viele Eltern sofort an Worte“, schreibt die vierfache Mutter Ines (@all.tags.helden) unter einem ihrer Instagram-Videos, das mehr als 840.000 Menschen gesehen haben. Sie erklärten, beruhigten, verhandelten, setzten Grenzen. „Aber manchmal ist das Nervensystem eines Kindes schon so voll, dass Worte gar nicht mehr ankommen. Meine Oma hatte dafür keinen Fachbegriff. Sie sagte nur: ‚Gib Wasser dazu!‘“, sagt die Familienbegleiterin und Pädagogin.
Manchmal seien das ein paar Schlucke aus einem Glas Wasser mit einem Strohhalm, das dem Kind in die Hand gedrückt werde. „Nicht als Ablenkung, sondern als Körpersignal“, schreibt die Millennial-Mutter. Das Wasser verändere den Zustand, helfe dem Körper, aus dem Kampfmodus auszubrechen. Nicht nur Trinken sei eine Option. Auch das Gesicht oder die Hände zu waschen helfe. Oder ein warmes Bad, eine Schüssel Wasser auf dem Balkon, das Umfüllen von Bechern oder das Füße-ins-Wasser-hängen. „Plötzlich ist da ein Reiz, der nicht laut ist, aber stark genug, um das Nervensystem umzulenken.“

Was tun, wenn das Kind einen Wutanfall hat, und Worte nicht mehr helfen? (Symbolbild) © IMAGO/Half Point ImagesEmotionsregulation: Wenn Kinder sich von einer harten in eine „gekochte“ Nudel verwandeln
Judith Silkenbeumer leitet die Psychotherapieambulanz für Kinder und Jugendliche an der Universität Münster. Sie erklärt, warum Eltern in solchen emotionalen Krisen oft mit Worten scheitern. „Wenn Kinder von starken Emotionen wie Wut überwältigt werden, sind sie in diesem Moment häufig (noch) gar nicht zugänglich für diese Art von Regulation, die auf Einsicht und kognitives Verständnis abzielt. Ihr Gehirn ist sozusagen im Alarmmodus: Es geht zunächst darum, mit der akuten Stressreaktion umzugehen – nicht darum, eine Situation zu analysieren oder logisch zu durchdenken“, sagt sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Das sei auch aus evolutionsbiologischer Sicht sinnvoll, denn in belastenden Situationen sei schnelles Reagieren wichtiger als ausführliches Nachdenken. Forschungsbefunde deuteten an, dass bei hochintensiven Emotionen „beruhigende oder ablenkende Strategien die sinnvollere Unterstützung“ seien. So wie der Wassertrick. „Ich halte das für einen spannenden Ansatz“, sagt die Psychotherapeutin, die schwerpunktmäßig die Entwicklung der Emotionsregulation bei Kindern im Vorschulalter erforscht. Der Körper spiele beim Erleben von Emotionen eine bedeutsame Rolle – ihn als ersten Zugang zur Regulation zu nutzen, zum Beispiel mit kaltem Wasser Wut zu lindern, könne sinnvoll sein.
„Gerade in emotional aufgeladenen Situationen kann es sehr hilfreich sein, zunächst Ruhe in den Körper zu bringen“, sagt Silkenbeumer. Neben dem Wassertrick könnten auch bewusstes gemeinsames Atmen, ein Spaziergang oder das symbolische „Ausschütteln des Ärgers“ helfen. Oder dass sich Kinder spielerisch von einer harten in eine „gekochte“ Nudel verwandeln. „Welche Methode am besten funktioniert, ist von Kind zu Kind verschieden.“ Deshalb lohne es sich, gemeinsam Verschiedenes auszuprobieren. Je größer das Repertoire an hilfreichen „körperorientierten Strategien“ ist, desto leichter sei es, in herausfordernden Momenten ruhig und handlungsfähig zu bleiben.
Wassertrick bei Kindern soll „den Körper wieder erreichbar machen“
Wichtig sei: „Es sollte nicht darum gehen, unangenehme Gefühle möglichst schnell ‚wegzumachen‘, sondern dem Kind mit Mitgefühl zu begegnen und sein Erleben ernst zu nehmen“, sagt Silkenbeumer der Frankfurter Rundschau. Entscheidend sei diese Haltung bei Bezugspersonen. Im Alltag oft leichter gesagt als getan, denn auch Eltern fühlten in solchen Momenten Ärger, Hilflosigkeit oder Wut. Das kenne sie aus eigener Erfahrung.
Aber: „Wenn wir uns auf die Gefühle unseres Kindes einlassen, ihm seine Emotionen spiegeln und darüber sprechen, stärken wir – auch langfristig – seine Fähigkeit zur Emotionsregulation. Auf dieser Grundlage lassen sich anschließend gemeinsam Lösungen entwickeln – sei es ein Schluck Wasser, ein kalter Waschlappen, bewusstes Atmen oder eine andere körperliche Strategie.“
„Der Trick ist nicht, Gefühle wegzuwaschen. Der Trick ist, den Körper wieder erreichbar zu machen“, schreibt Ines über den Wassertrick ihrer Großmutter, den sie einfach „so genial“ findet. Wenn das Kind schreie, sich auf den Boden werfe oder komplett dichtmache, sollten Eltern oder Bezugspersonen nicht zehnmal „Beruhig dich!“ sagen, sondern lieber gemeinsam Wasser trinken, die Hände unter den Hahn halten oder ein nasses Tuch in den Nacken legen. Und dann könne über die Emotion gesprochen werden. (Quellen: eigene Recherche, Instagram)