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Gegen rechts oder für Palästinenser marschieren Tausende – doch Juden fürchten in Deutschland um ihr Leben

Stand: 23.07.2026, 19:01 Uhr

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Das Hass auf Juden gehört in Deutschland mittlerweile zum Alltag, warnt Kolumnist Sigmund Gottlieb. Er vermisst Solidarität mit den Betroffenen.

München – Der renommierte Journalist und langjährige Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, Sigmund Gottlieb, kommentiert für den Münchner Merkur von Ippen.Media mit scharfem Blick wöchentlich in seiner Kolumne „Gottlieb direkt“ aktuelle Themen. Diesmal richtet er den Blick auf Antisemitismus in Deutschland.

Eine Demonstration gegen Antisemitismus

Eine Demonstration gegen Antisemitismus – Kolumnist Sigmund Gottlieb vermisst mehr solcher Solidaritäts-Kundgebungen. © Carsten Koall/dpa

Übelkeit spüre ich schon lange. Besonders nach dem brutalen Angriff eines Syrers auf einen Mann, nur weil er ein Israel-Symbol am Revers trug. Die roten Linien sind längst überschritten, die Worte zu Taten geworden. Der Hass auf Juden gehört inzwischen zum deutschen Alltag.

Zu Deutschlands neuer Normalität gehört, dass Juden um ihr Leben fürchten – wo bleibt die Solidarität?

Die Mobilisierung und Enthemmung gegen Juden hat eine neue Dimension erreicht. Sie geben sich nicht mehr als Juden zu erkennen, sie tragen keine Kippa mehr, sie bestellen die Pizza unter falschem Namen, sie bangen um das Wohl ihrer Kinder in der Schule. Viele sitzen schon wieder auf gepackten Koffern.

Zu Deutschlands neuer Normalität gehört, dass Juden wieder um ihr Leben fürchten. Radikale Islamisten verbinden sich mit linksextremen und rechtsextremen Staatsfeinden zu einem tödlichen Bündnis. Die Antisemiten haben längst in den Universitäten Fuß gefasst, in der Kulturszene, in den sozialen Medien, auf den Straßen. Auf den Empfängen in der Hauptstadt versteckt sich der Antisemitismus hinter der Kritik an Israel. Israel hat als Projektionsfläche längst den Status des verhassten Juden von einst eingenommen.

► Sigmund Gottlieb ist einer der renommiertesten und erfahrensten Journalisten Deutschlands. Er war von 1995 bis 2017 Chefredakteur und von 2001 bis 2014 dazu stellvertretender Fernsehdirektor beim Bayerischen Rundfunk.

► Gottlieb moderierte die „Münchner Runde“ sowie aktuelle Brennpunkt-Sendungen im Ersten und war einer der präsentesten Kommentatoren in den „Tagesthemen“ der ARD.

► Für seine Arbeit erhielt Gottlieb mehrere Auszeichnungen, darunter den Bayerischen Fernsehpreis für die Berichterstattung über den Kosovo-Krieg. Seit 2005 ist er Honorarprofessor für Journalismus an der Hochschule Amberg.

Ich kann nicht fassen, mit welchem Gleichmut die große Mehrheit in unserem Land auf diese Entwicklung blickt. Hunderttausende marschierten gemeinsam gegen rechts, Zigtausende gehen für die Palästinenser auf die Straße. Wo bleibt die Solidarität mit Israel? Ich empfinde es als eine Schande, dass Juden wieder um ihr Leben fürchten müssen, nur weil sie Juden sind. Ich will mir einfach nicht vorstellen, dass ich mit diesem Gefühl zu einer Minderheit gehöre. (Sigmund Gottlieb)