Interview
Cottbuser Vereinschef Axel Viertler
Deutscher Rad-Nachwuchs: “Unsere Talente haben bei vielen Teams keine Lobby”
Aushängeschild vom Team Bora-Hansgrohe: Florian Lipowitz | Bild: IMAGO/Photo News
Alle Jahre wieder rasen die besten Radsportler der Welt im Sommer bei der Tour de France über den französischen Asphalt. In diesem Jahr ist auch der Brandenburger Max Kanter dabei – und er ist dabei nicht der Erste, der es aus der Radsportschule des RSC Cottbus in die Weltspitze geschafft hat.
Im rbb|24-Interview spricht der Geschäftsführer des Vereins, Axel Viertler, über die Anfänge des kleinen Max Kanter und die Radsport-Hochburg Cottbus, aber auch über die Herausforderungen und Probleme für talentierte Radfahrerinnen und Radfahrer in Deutschland.
Von
Jakob Lobach
rbb|24: Herr Viertler, erinnern Sie sich denn noch daran, wann und wo Sie Max Kanter das erste Mal Radfahren gesehen haben?
Axel Viertler: Das war irgendwann im Jahr 2009 oder 2010. Da war Max zwölf, kam zu uns und wollte Radfahrer werden. Sein Onkel ist früher als Jugendlicher auch Radrennen gefahren, Max' Bruder war schon bei uns im Verein und seine Schwester auch. Der Familie Kanter liegt das Radfahren also im Blut.
rbb|24: Und wie ist es, Max heute bei der Tour de France um Etappensiege mitsprinten zu sehen?
Viertler: Das ist schon schön, ihn da vorne zu sehen. Man hofft natürlich, dass er auch mal ganz oben auf dem Treppchen steht, weil so ein Etappensieg bei der Tour de France nun mal das Nonplusultra ist. Damit gravierst du dich in die Statistiken ein, während der Zweite im Radsport der erste Verlierer ist. Aber ich denke, für Max ist es bislang eine sehr gute Tour.
rbb|24: Wann war denn für Sie und Ihre Trainer beim RSC Cottbus absehbar, dass Max das Zeug zum Profi hat?
Viertler: Erstmal war Max schon früher als kleiner Blondschopf sehr auffällig. Er hat sich schon früh auf dem Rad sehr gut bewegt und hatte am Ende ein sehr gutes Auge dafür, mit gutem Timing die entscheidenden Lücken zu finden. Das hat nicht immer funktioniert, aber öfter als bei anderen.
Der Cottbuser Max Kanter bei der Tour de France | IMAGO/Photo News
rbb|24: Woran erkennen Sie als Radsportverein denn allgemein, ob eines Ihrer Kinder oder einer Ihrer jugendlichen Fahrer ein Talent für den Sport haben?
Viertler: Neben dem unerlässlichen Spaß am Sport geht es darum, welche Kinder am meisten von dem aufsaugen, was wir ihnen erklären. Und dann ist auch die Motorik sehr entscheidend: Wie sitzt das Kind auf dem Fahrrad und wie schnell kann es treten? Ausdauer und Kraft kann man sich antrainieren, aber diese Schnelligkeit beim Treten hat man oder man hat sie nicht. Bei Max war sie schon früher sehr ausgeprägt.
rbb|24: Heute ist Max Kanter einer von nur zwölf deutschen Fahrern bei der Tour de France. Von den 16 Fahrern der deutschen Teams Lidl-Trek und Red Bull-Bora-hansgrohe sind sogar nur zwei aus Deutschland. Wie schwer ist es, in Deutschland Radprofi zu werden?
Viertler: Da haben Sportler in anderen Ländern sicherlich Vorteile. In Belgien, Frankreich, Italien oder den Niederlanden herrscht eine ganz andere Wertschätzung für den Radsport. Hinzukommt, dass Lidl-Trek und Red Bull-Bora-hansgrohe die einzigen beiden Pro Tour Teams mit deutscher Lizenz sind. Und die anderen Teams gucken fast immer zuerst in ihren Nationen nach Sportlern, die sie aufnehmen können – auch wenn die nicht unbedingt besser sind als die deutschen Fahrer. Und dann werden auch im Nachwuchsbereich mittlerweile ganz neue Wege gegangen.
Zur Person
Seit fast 30 Jahren ist Axel Viertler der Geschäftsführer beim Radsportclub Cottbus. Als Jugendlicher besuchte er einst selbst die Sportschule in der Lausitz und war selbst ein ambitioniertes Radsporttalent. Zur großen Profikarriere reichte es bei Viertler selbst zwar nicht - dafür ebnete er als Verantwortlicher des RSC Cottbuser in den vergangenen Jahren gleich mehrer solcher Karrieren. Unter anderem die von Max Kanter.
rbb|24: Was für Wege sind das?
Viertler: Es existieren mittlerweile selbst im Juniorenalter auf der ganzen Welt eine Art kleinerer Profiteams für junge Talente. Und in Deutschland geht Bora-Hansgrohe als einziges Team diesen Weg konsequent mit. Allerdings hatten selbst sie letztes Jahr in ihrem Zehn-Mann-Team nur zwei Fahrer aus Deutschland. Alle anderen waren Junioren aus dem Ausland. Unsere Talente haben bei vielen Teams nicht die nötige Lobby, um dort unterzukommen. Da sind Beziehungen und Kontakte oft wichtiger als Leistungen.
rbb|24: Klingt, als gäbe es eine große Diskrepanz zwischen der alljährlichen Begeisterung rund um die Tour de France und der Talentförderung im Alltag…
Viertler: Ja, das ist richtig. Das erste Problem ist, dass nicht genug Masse da ist, aus der wir Klasse machen können. Das zweite Problem ist, dass Radsport nicht das billigste Hobby ist. Eine Förderung vom Land bekommt man erst, wenn die Kinder schon ein bisschen älter sind. Bis dahin müssen ihre Eltern und Vereine alles selbst finanzieren.
Wir beim RSC Cottbus stellen zum Beispiel jedem Kind drei Fahrräder zur Verfügung: ein Straßenrad für den Sommer, ein Bahnrad für den Winter und ein Mountainbike, um im Gelände die Geschicklichkeit trainieren zu können. Und das ist nur ein Teil der Kosten, die die Vereine aufbringen müssen.
rbb|24: Immerhin lohnt sich das Invest dahingehend, dass Max Kanter bei weitem nicht als einziger Radsportler vom RSC Cottbus den Sprung zum Profi geschafft hat. Was macht die Talentförderung in Ihrem Verein so erfolgreich?
Viertler: Ein Verbundsystem aus Schule und Leistungssport. Wenn wir unsere Kinder für den Radsport begeistern konnten und sie erste Leistungen erbracht haben, können wir sie an der Lausitzer Sportschule einschulen. Da hast du im Umkreis von 150 Metern ein Internat, die Radrennbahn, ein Gebäude mit Umkleiden und Mechanikern, eine Schule. Die Sportler können morgens trainieren, tagsüber zur Schule gehen und nachmittags nochmal auf die Bahn. Das sind schon Top-Bedingungen.
rbb|24: Hinzu kommt die "Junioren Etappenfahrt", die Ihr Verein Jahr für Jahr veranstaltet – eines von sehr wenigen Nachwuchsrennen in Deutschland. Müsste es mehr geben?
Viertler: Ja, müsste es ganz sicher! Neben unserem Rennen gibt es in Deutschland nur noch die Saarland Trofeo, wo die Teams auch mehrere Tage hintereinander Etappen fahren. Dort dürfen allerdings nur Nationalmannschaften mitfahren. Man spürt aber, wie sehr sich die Teams nach Rennen wie unserem sehnen. Max Kanter, Lennard Kämna, Niklas Arndt – die standen alle mal bei uns auf dem Treppchen, bevor sie Profi geworden sind.
rbb|24: Apropos Max Kanter: Was trauen Sie Ihrem ehemaligen Cottbuser Schützling im weiteren Verlauf der Tour noch zu?
Viertler: Ich bin mir nicht sicher, ob nochmal eine schön flache Etappe kommt, die nicht so schwer ist. Mittlerweile ist ja selbst der letzte Tag mit den Anstiegen am Montmartre nicht mehr das ideale Terrain für die Sprinter. Aber selbst, wenn er nicht nochmal die Chance auf einen Etappensieg bekommt, hat er bei dieser Tour schon viel erreicht.
Sendung: rbb|24, 19.07.2026, 17:00 Uhr
Audio: rbb|24, 19.07.2026, Jakob Lobach im Gespräch mit Axel Viertler
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