Deutschland sendet diese Botschaft bis heute nicht mit derselben Konsequenz. Das beginnt schon bei der Sprache. Wenn nach einer Tötung von einem "Beziehungsdrama" oder einer "Familientragödie" die Rede ist, klingt das nach einer unglücklichen Eskalation persönlicher Konflikte. Tatsächlich geht es um Macht, Kontrolle und Besitzdenken. Um Männer, die den Verlust ihrer Partnerin nicht akzeptieren.
Die Debatte über geschlechtsspezifische Gewalt richtet sich oft schnell auf sogenannte Ehrenmorde. Diese Taten existieren und sie sind grauenhaft. Doch sie sind nur eine spezifische Form von Femiziden. Die meisten Tötungen von Frauen geschehen in Beziehungen oder im familiären Umfeld. Ob die Motive kulturell, patriarchal oder persönlich geprägt sind: Frauen werden meist nicht von Fremden getötet, sondern von Männern, die ihnen nahestanden. Das Problem liegt nicht außerhalb unserer Gesellschaft. Es liegt mitten in ihr.
Sprache ist nie nur Sprache. Sie entscheidet darüber, ob wir ein gesellschaftliches Problem erkennen – oder einen tragischen Zufall. Auch wir Medien tragen daher eine Verantwortung. Auch wir müssen öfter klarer sagen, dass es um einen Femizid geht. Also um die Tötung einer Frau im Kontext geschlechtsspezifischer Gewalt und patriarchaler Machtverhältnisse.
Inzwischen wird zu Recht darüber diskutiert, Femizide strafrechtlich stärker sichtbar zu machen. Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) machte einen entsprechenden Vorstoß. Nicht, weil ein neuer Straftatbestand allein Gewalt verhindern würde. Sondern weil ein Rechtsstaat benennen sollte, was er als besonderes Unrecht begreift.
Vor allem aber muss sich der Blick weiten. Gewalt gegen Frauen ist kein Frauenthema, ganz im Gegenteil. Gerade Männer sollten sich in diese Debatte einmischen. Nicht, weil sie Frauen erklären müssten, wie sich Gewalt anfühlt, sondern weil die Täter überwiegend Männer sind. Oder um es deutlich zu machen: Eine Gesellschaft verändert sich nicht, wenn nur die Opfer ihre Stimme erheben. Sie verändert sich, wenn auch diejenigen Verantwortung übernehmen, die von den patriarchalen Strukturen profitieren.
Es genügt nicht, mehr Frauenhäuser zu bauen. Natürlich braucht Deutschland sie dringend. Aber Frauenhäuser sind das Sicherheitsnetz einer Gesellschaft, die zuvor an vielen Stellen versagt hat. Eine moderne Gesellschaft schützt Opfer – und versucht, Taten zu verhindern.
Entscheidend ist daher konsequente Täterarbeit. Männer, die durch Stalking, Drohungen, krankhafte Eifersucht oder Kontrollverhalten längst zeigen, dass sie gefährlich werden könnten, müssen früher erreicht werden – mit verpflichtenden Beratungsangeboten, therapeutischer Unterstützung und einem engmaschigen Risikomanagement. Das setzt derweil voraus, dass Warnsignale überhaupt sichtbar werden. Täterarbeit und Opferschutz sind keine Gegensätze: Sie bedingen einander.
Prävention beginnt aber noch früher. In Kitas und Schulen, wo Jungen lernen, dass Beziehung nichts mit Besitz zu tun hat. Sie beginnt mit niedrigschwelligen Hilfsangeboten für Männer, die merken, dass sie ihre Wut nicht mehr beherrschen. Sie setzt gut geschulte Polizistinnen und Polizisten, Jugendämter, Familiengerichte sowie Ärztinnen und Ärzte voraus, die Warnsignale erkennen und vor allem: ernst nehmen.
Und ja, zur Prävention gehört ebenso, Hochrisikotäter konsequent zu observieren. Wer trotz gerichtlichen Annäherungsverbots seine Ex-Partnerin weiter verfolgt oder bedroht, muss damit rechnen, elektronisch überwacht zu werden.
All das führt zu einer einfachen, aber unbequemen Erkenntnis. Wir messen den Erfolg unseres Landes am Bruttoinlandsprodukt, an der Zahl oder Innovationen der Start-ups oder seiner militärischen Stärke. Und klar: Das sagt etwas über seinen Wohlstand aus. Aber nur wenig darüber, wie zivilisiert es tatsächlich ist.
Der wahre Maßstab ist ein anderer: Können Frauen – die immerhin 50,9 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen – in diesem Land sicher leben? Solange wir diese Frage nicht mit einem klaren "Ja" beantworten können, sollten wir vorsichtig sein mit dem Etikett des modernen Landes.
Angriff aufs Nervensystem der Welt
Donald Trump droht nicht nur dem Iran – er spielt mit einem der empfindlichsten Nervensysteme der Globalisierung. Karten vermitteln den Eindruck, der Welthandel verteile sich gleichmäßig über die Ozeane. Tatsächlich hängt er an wenigen schmalen Meerengen (Ende März hatte ich das schon einmal notiert).
Monatelang galt die Straße von Hormus als kritischster Ort für den Welthandel. Nun rückt ein zweiter Engpass in den Fokus: Bab al-Mandab, das "Tor der Tränen". Dass Trump nach den dortigen Angriffen auf zwei saudische Öltanker nun "massive militärische Strafmaßnahmen" gegen den Iran ankündigt, ist deshalb weit mehr als die nächste Eskalationsstufe dieses Krieges. Es ist die Reaktion auf den Versuch der Huthi-Rebellen, einen zweiten globalen Flaschenhals zur Waffe zu machen.
Die Huthis wollen zeigen, dass sie nicht nur Israel oder Saudi-Arabien treffen können. Sie wollen beweisen, dass sie genau wie der Iran den Welthandel als Geisel nehmen können. Das hätte auch massive Folgen für die deutsche Konjunktur, berichtet Wirtschaftsredakteur Jakob Hartung. Und siehe da: Ihre Taktik hat bereits Erfolg. Erstmals seit zwei Monaten stieg der Ölpreis der Sorte Brent auf mehr als 100 US-Dollar pro Barrel. Das zeigt, wie empfindlich dieses System bereits auf die bloße Aussicht einer Ausweitung reagiert.
Schon ohne neue Handelskonflikte wäre eine Sperrung der Meerenge ein Schock für die Weltwirtschaft. Doch ausgerechnet jetzt kündigte Trump neue Zölle gegen Dutzende Handelspartner an – darunter auch gegen bestimmte Produkte aus der EU. Bereits seit Freitagmorgen greifen sie.
Das eigentliche Risiko liegt deshalb nicht im nächsten Angriff. Sondern darin, dass keine Seite mehr einen Schritt zurückgehen kann, ohne Schwäche zu zeigen. Das "Tor der Tränen" trägt seinen Namen seit Jahrhunderten. Wenn dort der Welthandel zum Stillstand kommt, würden die Tränen nicht nur am Roten Meer fließen.
Merz krempelt um
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schnürt nach dem Rücktritt von Fraktionschef Jens Spahn ein großes Personalpaket. Laut Medienberichten sollen nach dem bereits verkündeten Wechsel von Kanzleramtschef Thorsten Frei an die Fraktionsspitze vier weitere Personalentscheidungen fallen.
- Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) soll auf den Posten von Frei im Kanzleramt wechseln.
- Für sie soll CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann Gesundheitsminister werden.
- Linnemanns Posten als CDU-Manager soll die bisherige Schatzmeisterin der Partei, Franziska Hoppermann, übernehmen.
- Der bisherige Parlamentarische Staatssekretär im Digitalministerium, Philipp Amthor (CDU), soll den Bund-Länder-Beauftragten Michael Meister im Kanzleramt ablösen.
Eine offizielle Bestätigung für die Personalien gab es am Donnerstagabend noch nicht. "Der Bundeskanzler wird die Personalentscheidungen bekanntgeben, wenn alle offenen Punkte geklärt sind", hieß es aus dem Umfeld von Merz. Voraussichtlich wird das am Freitagmorgen der Fall sein. Meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Politikressort halten Sie auf dem Laufenden.
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Die Causa Spahn verhagelt der Union den Sommer. Christoph Schwennicke, Leiter unserer exklusiven Berichterstattung, weiß, wer dafür die Verantwortung trägt.
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Nach Spahns Rücktritt laufen indes zwei Debatten über Leihmutterschaft: eine sachliche – und eine in den sozialen Netzwerken. Kolumnistin Nicole Diekmann hat eine klare Meinung dazu.
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Der dritte Gerichtstermin nach seiner Festnahme wird für Nicolás Maduro ein kurzer. Allerdings muss sich der frühere venezolanische Machthaber auf einen langen Prozess einstellen, schreibt David Schafbuch aus New York.
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Ein bestimmter Blutwert könnte das Demenzrisiko Jahre im Voraus abschätzen. Geraldine Nagel aus dem Medizinressort kennt die Details.
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Ohrenschmaus
Zum Schluss
Ich wünsche Ihnen einen friedlichen Tag. Morgen lesen Sie von Christoph Schwennicke.
Herzliche Grüße
Ihr
Mauritius Kloft
Ressortleiter Politik & Wirtschaft
Mit Material von dpa, Recherche unterstützt von Google Gemini