„Ehrlich gesagt …“, gibt es bei Kindern klare Signale, bei denen ich Eltern rate, genauer hinzuschauen
Stand: 13.07.2026, 18:46 Uhr
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Bin ich als Elternteil gut genug? Familientherapeut Michael Rößner erklärt in einem Gastbeitrag, woran Eltern erkennen, dass sie vieles richtig machen – und bei welchen Signalen sie genauer hinschauen sollten.
Aachen – Die meisten Eltern, die sich fragen, ob sie gute Eltern sind, sind es bereits. Das Problem: Sie glauben es sich selbst nicht. Michael Rößner ist systemischer Therapeut und Leiter einer Familienberatungsstelle der Caritas. Im folgenden Gastbeitrag erklärt er, warum das eigene Gefühl der beste Kompass ist:
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In unserer Kolumne „Ehrlich gesagt...“ kommen die Fachleute Heidy de Blum, Michael Rößner und Prof. Sandra Schmidt aus den Bereichen Erziehung, Familienleben, Job & Karriere sowie Lebensberatung zu Wort. Sie teilen praxisnahe Einblicke, ordnen aktuelle Entwicklungen ein und geben alltagstaugliche Impulse – fundiert, verständlich und nah am Leben unserer Leserinnen und Leser.
Bin ich eine gute Mutter? Ein guter Vater? Mache ich das alles richtig? Diese Fragen treiben viele Eltern um – oft mitten in der Nacht, manchmal nach einem langen, anstrengenden Tag. Als systemischer Therapeut und Leiter einer Familienberatungsstelle begegnen mir diese Zweifel täglich. Und meine Antwort überrascht viele: Das wichtigste Zeichen, dass Sie es gut machen, ist Ihr eigenes Gefühl.
Eltern passieren Fehler, das ist keine Schwäche
Wer sein Kind im Blick hat – und ich meine das ganz im Wortsinn: Wer wirklich schaut, wie es dem Kind geht, was es braucht, was es bewegt –, der macht bereits sehr viel richtig. Sich gut kümmern, das klingt altmodisch, ist aber für mich nach wie vor eines der wichtigsten Dinge, die Eltern machen können. Und dazu gehört ausdrücklich auch, sich zu erlauben, nicht immer alles richtig zu machen. Fehler passieren. Das ist keine Schwäche – das ist Realität.

Michael Rößner sagt: Noch nie wussten Eltern so viel über Erziehung – und noch nie waren sie so unsicher. (Symbolbild) © Ippen.MediaIch habe in meiner Arbeit noch kein Kind getroffen, das gesagt hätte: „Ich wünsche mir so sehr, dass es meinen Eltern nicht gut geht.“ Im Gegenteil, Kinder spüren sehr früh, wenn Eltern in Sorge sind – und machen sich dann selbst Sorgen. Ein Kind, das sich dauerhaft um seine Eltern sorgt, hat schlicht weniger Kapazität, Kind zu sein.
Eltern dürfen sich auch um sich selbst kümmern
Das bedeutet nicht, dass Eltern keine schwierigen Phasen haben dürfen. Natürlich gibt es berechtigte Sorgen – Krankheit, existenzielle Nöte, Verlust. Diese Gefühle lassen sich nicht einfach abstellen. Und das müssen sie auch nicht. Aber wie mit ihnen umgegangen wird, macht einen großen Unterschied.
Wenn ein Kind sieht, wie seine Mutter weint, und die Mutter sagt: „Es ist nichts“ – dann kann das Kind diesen Widerspruch nicht einordnen. Das verunsichert. Sagt die Mutter stattdessen: „Ich bin gerade traurig, aber ich komme damit klar“, hat das Kind etwas, womit es arbeiten kann. Kinder können mit schwierigen Gefühlen umgehen, wenn sie verstehen, was gerade passiert. Was sie nicht gut verarbeiten können, ist das Unausgesprochene, das Versteckte.
Bedürfnisorientierung richtig verstehen und Signale im Blick haben
In meiner Beratungspraxis erlebe ich immer wieder, dass „bedürfnisorientierte Erziehung“ missverstanden wird. Viele denken dabei ausschließlich an die Bedürfnisse der Kinder. Aber es geht um alle Beteiligten. Darum, dass es allen gut geht – Eltern und Kindern. Eine Familie funktioniert wie ein Mobile: Wenn ein Teil aus dem Gleichgewicht gerät, bewegen sich alle anderen mit.
Zur Person
Michael Rößner leitet als Diplom-Sozialpädagoge die Caritas Familienberatungsstelle Aachen und führt dort ein multiprofessionelles Team. Der systemische Therapeut und Familientherapeut berät Familien in schwierigen Lebenssituationen und gibt sein Wissen als Lehrender für Systemische Therapie und Beratung sowie als Supervisor weiter. Als Aufsichtsratsvorsitzender der DGSF (Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e.V.) engagiert er sich zudem auf Verbandsebene für die Weiterentwicklung seines Fachgebiets.

Michael Rößner, Diplom-Sozialpädagoge und Leiter der Caritas Familienberatungsstelle Aachen. © Ippen.Media Es gibt klare Signale, bei denen ich Eltern rate, genauer hinzuschauen. Das Wichtigste: Wenn etwas irritiert. Wenn ein Verhalten auftaucht, das man nicht einordnen kann, das man vom eigenen Kind so nicht kennt – und das länger als ein paar Tage anhält.
Ein paar konkrete Beispiele: Das Kind will seit Wochen nicht mehr in die Schule. Es schläft nachts nicht mehr durch. Es zieht sich zurück. Oder das Gegenteil – es wird aggressiv. Beides sind Ausdrucksformen von Bedürfnissen, die noch nicht in Worte gefasst werden können. Aggressive Kinder fallen auf und machen lautstark auf etwas aufmerksam. Ruhige, zurückgezogene Kinder fallen oft gar nicht auf – aber das heißt nicht, dass es ihnen gut geht. Gerade depressives Verhalten bei Kindern, das schon im Grundschulalter auftreten kann, wird häufig übersehen, weil diese Kinder still und angepasst wirken.
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Lassen Sie sich inspirieren und entdecken Sie tolle Tipps und Aktivitäten für die ganze Familie. © Imago/Westend61Meine Empfehlung: Wenn Sie merken, dass sich etwas verändert hat – fragen Sie sich, was vor zwei Wochen passiert ist. Was hat sich verändert? Kinder können oft nicht in Worte fassen, was sie beschäftigt. Aber sie zeigen es. Eltern, die zuhören und hinschauen, werden es merken. Und das, finde ich, ist schon sehr viel. (In Zusammenarbeit mit Jasmina Deshmeh)