Stand: 13.07.2026, 20:45 Uhr
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Warum überschätzen sich so viele Männer und Jungen am Badesee? Und wie können Eltern vorbeugen? Ein Psychotherapeut hat Antworten.
Frankfurt – 99 Menschen kamen im Juni 2026 bei Badeunfällen ums Leben. Das teilt die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) am 12. Juli mit. 93 Prozent der Opfer sind männlich. Am bisher heißesten Wochenende des Jahres (27. und 28. Juni) starben 26 männliche Personen, darunter auch ein Nichtschwimmer, der im Baggersee den Halt verlor.
„Männer aller Altersgruppen neigen eher als ihre Altersgenossinnen dazu, sich selbst zu überschätzen und Gefahren zu unterschätzen. Das fängt bereits im Kindesalter an, wie eine internationale Studie nahelegt“, sagt ein DLRG-Sprecher der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Typischerweise stellen Männer sich Herausforderungen, denen sie schwimmerisch nicht gewachsen sind.“ Sie ignorierten, wie gefährlich das plötzliche Eintauchen in kühles Wasser – auch für junge und fitte Menschen – sein könne, oder dass es in einem Badesee von einem auf den anderen Meter deutlich tiefer werden könne.
„Insbesondere bei jüngeren Männern führen leichtsinnige Aktionen wie Sprünge in trübe und unbekannte Gewässer zu schweren Unfällen“, sagt der DLRG-Sprecher. „Ältere Männer blenden zu oft aus, dass das Schwimmengehen bei Hitze für ein möglicherweise vorbelastetes Herz-Kreislauf-System gefährlich sein kann.“
Badeunfälle im Sommer: Warum überschätzen sich Männer so oft?
„Es ist schon länger bekannt, dass Jungen und Männer eine größere Risikobereitschaft haben und diesbezüglich auch einer stärkeren Wettbewerbsorientierung unterliegen“, sagt der Psychotherapeut Manuel Peters der Frankfurter Rundschau. Das habe zum Teil biologische (mehr Testosteron), zum Teil psychosoziale und kulturelle Ursachen („Jungs weinen nicht“ oder „Männer dürfen keine Schwäche zeigen“).
Obwohl es aus psychologischer Sicht keinen Sinn ergebe, handelten viele Menschen im Alltag immer noch so, als gäbe es einen riesigen Unterschied zwischen Jungs und Mädchen. Von Jungen werde noch immer zu oft verlangt, dass sie stark sind, sich im Wettkampf messen, sich durchsetzen und sich für typisch „männliche“ Dinge wie Waffen interessieren, sagt Peters. Das wirkt sich auf deren Risikobereitschaft und Selbsteinschätzung aus.
„Je mehr Risikobereitschaft vorliegt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit negativer Konsequenzen“, sagt er. „Männliche Wettbewerbsorientierung hat oft fatale Folgen.“ Dies zeige sich nicht nur beim Schwimmen, sondern auch im Straßenverkehr, beim Sport, auf dem Schulhof, bei Mutproben oder in den Verbrechensstatistiken.

Wie erziehen Eltern ihre Söhne so, dass sie sich später mal nicht selbst überschätzen? Ein Psychologe ordnet ein. (Symbolbild) © Cavan Images/IMAGOPsychologe nennt „radikalen Schritt in der psychischen Entwicklung“ von Kindern
Kinder lernten von Anfang an, sich selbst und ihre Fähigkeiten einzuschätzen. „Das Reiz-Reaktions-Prinzip ist ein angeborener Lernmechanismus: Etwas passiert, wir reagieren darauf und das hat Konsequenzen“, erklärt der Psychologe. Je nachdem, welche Konsequenzen die Reaktionen erzeugten, lernten Kinder, dass sie etwas öfter machen sollten oder seltener, weil es unangenehm ist.
Im Alter von ungefähr drei bis vier Jahren beginne das Gehirn, zwischen der eigenen Perspektive und der Perspektive anderer Menschen zu differenzieren. „Dies ist ein radikaler Schritt in der psychischen Entwicklung“, sagt Peters. Kinder lernten, dass es nicht nur um sie gehe, dass andere sie und die Welt anders einschätzen. „Das ist eine Chance, sich selbst richtig einzuschätzen, aber auch ein Risiko für Fehleinschätzung“, sagt er. Denn wenn Bezugspersonen aufmerksam, liebevoll, fürsorglich, zuverlässig oder präsent reagierten, lerne das Kind, sich und die eigenen Fähigkeiten und Grenzen zu verstehen und einzuschätzen, sei „weniger anfällig für Fehlentwicklungen“.
Reagierten Bezugspersonen fahrlässig, lieblos, vernachlässigend, verletzend, unberechenbar oder abwesend, müsse ein Kind sich anpassen, um emotional zu überleben. „Das kann dann ganz unterschiedliche Formen annehmen: Unsicherheit, Selbstablehnung, Fremdbestimmung, Unterwürfigkeit, Abhängigkeit“, sagt Peters. Das Kind erlebe einen Zustand des Mangels und entwickle dysfunktionale Strategien, um den Mangel auszugleichen. Zum Beispiel Selbstunter- oder -überschätzung, das hänge jedoch auch von anderen Faktoren wie der Persönlichkeit oder davon ab, ob der Erziehungsstil der Eltern autoritär oder anti-autoritär gewesen sei.
„Realistisches Selbstbild“ vermitteln – die drei „Z“ der Kindererziehung
Wie müssen Eltern ihre Söhne erziehen, damit sie gar nicht erst in die Falle der Selbstüberschätzung tappen? „Über allem steht, dass Eltern für eine gute Beziehung zu ihrem Kind sorgen. Daraus ergibt sich alles andere“, sagt Peters der FR. Man spreche in diesem Zusammenhang oft von den „drei Z“ bei der Kindererziehung:
- Zuwendung
- Zärtlichkeit
- Zeit
„Zuwendung“ bedeute, dem Kind Aufmerksamkeit zu schenken. Zu erkennen, was das Kind gerade benötige, was es für eine Persönlichkeit, welche Stärken, Schwächen und Bedürfnisse es habe. „Zärtlichkeit“ meine, das Kind bedingungslos zu lieben und zu akzeptieren, so wie es ist. „Dann ist es auch in Ordnung, wenn ein Kind etwas länger benötigt, um etwas zu lernen, oder mehr Unterstützung braucht, weil es bestimmte Schwächen hat. Man wird dann nicht mehr fordern als da ist, aber auch nicht weniger“, sagt er.
Nur so spüre das Kind, dass die Beziehung sicher sei und es sich so zeigen und ausprobieren dürfe, wie es sei, und es seinen Fähigkeiten und Grenzen entspreche. Bei der „Zeit“ gehe es nicht nur um Quality Time am Freitagnachmittag, sondern darum, dass ein Elternteil oft und viel präsent sei. „Dann ergeben sich auch viele Möglichkeiten, sich auszuprobieren, zu validieren und seine eigenen Grenzen kennenzulernen und angemessen zu regulieren“, sagt der Psychotherapeut. „Wenn Eltern diese Anforderungen erfüllen, werden sie ihrem Kind automatisch ein realistisches Bild von sich selbst und den eigenen Grenzen vermitteln.“ (Quellen: eigene Recherche, dpa)