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Immer noch modern: F. Scott Fitzgeralds “The Great Gatsby”

Über einen der berühmtesten Romane der amerikanischen Literatur ist schon so viel gesagt worden, dass man sich durch viel Fanpost wühlen muss, um beim Text anzukommen. Dabei wurde „Der große Gatsby“ aus dem Jahr 1925, Fitzgeralds dritter Roman, von zeitgenössischen Lesern nur mittelgut aufgenommen und verkaufte sich mäßig, vermutlich auch wegen seiner Kürze und der poetischen Verdichtung seiner Aussagen.

Ein Exemplar der Erstausgabe von: F. Scott Fitzgeralds „The great Gatsby“, 1925
Ein Exemplar der Erstausgabe von: F. Scott Fitzgeralds „The great Gatsby“, 1925Archiv

Was „sagt“ ein Roman überhaupt? Zunächst geht es Fitzgerald um ein Zeigen und verschwenderisches Ausbreiten einer Welt, die wir trotz des hundertjährigen Abstands immer noch als jung, modern und gefährlich heutig empfinden: schöne Frauen, angeberische Männer, schnelle Autos, schnelles Geld. Coole Klamotten und eitle Posen. Opulente Partys mit dem dazugehörigen Geschnatter und die Ausbreitung materiellen Reichtums als Distinktionsmerkmal. Überhaupt: Geld als Fetisch. Simulierter Status als gierig angenommene Identität.

Einer der berühmtesten Sätze des Romans – „Her voice was full of money“ – bezeichnet zugleich die schockhafte Erkenntnis des Emporkömmlings Jay Gatsby, dass seine frühere romantische Liebe, Daisy Buchanan, sich in ein material girl verwandelt hat. Das hat Gatsby, seinerseits ein material boy, nicht auf der Rechnung. Ein einziger Zug aber adelt ihn und hebt ihn heraus aus der Masse jener, die wie aufgezogene Automaten dem Erfolg nachjagen: sein romantisches Sehnen.

Hier wird der ganze amerikanische Materialismus sichtbar

Und das ist bis heute sein Geheimnis: Fitzgeralds Stil in diesem Buch schafft es, die Romantik gegen alle Schäbigkeit menschlicher Motive und selbst gegen den tragischen, mit zwei Leichen bezahlten Ausgang des Romans zu behaupten. Er schützt, in einem staunenerregenden Paradox, die Größe von Gatsbys Traum vor der Nichtigkeit seines Traums. Wie der Autor das schafft? Indem er schreibt wie ein Engel, mehr gibt es da kaum zu analysieren. Weil seine Bilder sinnlich leuchten und brennen und eine „radikale Verkürzung in aller Schärfe“ produzieren, wie der Kritiker Lionel Trilling 1950 anmerkte.

So wird der ganze Materialismus eines Landes, das märchenhafte Aufstiege ebenso wertungsfrei hinnimmt wie harte Niederstürze, in einer Handvoll unvergesslicher Szenen sichtbar. Die enthemmte Party, auf der sich alle amüsieren, aber niemand den Gastgeber kennt. Oder die Hemdenkollektion, die der Liebende in einer völlig verqueren Geste vor der Geliebten aus dem Schrank reißt und aufs Bett wirft, ein Farbenregen in Korallenrot, Apfelgrün, blassem Orange und Indisch-Blau. Oder den Pool, den Gatsby den ganzen Sommer hindurch nicht benutzt und in dem am Ende seine Leiche schwimmt.

„Der große Gatsby“, wie Fitzgerald ihn in Rom geschrieben hatte, wäre schon ein sehr gutes Buch gewesen, wir kennen die Urfassung. Doch erst dank der klugen Hinweise seines Lektors Maxwell Perkins konnte der Autor daraus das Meisterwerk machen, das wir kennen. Insofern ist dieser Roman auch eine Hommage an gute Lektoren und alle, deren Empfindungsfähigkeit durch sinnvoll aufeinander bezogene Wörter auf der Buchseite wachgerufen und in feinste Schwingungen versetzt wird.

In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.