everyschematic.com

Debatte um Leihmutterschaft: Der Christenmensch Jens Spahn balanciert auf einem schmalen Grat

Debatte um Leihmutterschaft Der Christenmensch Jens Spahn balanciert auf einem schmalen Grat

21.07.2026 · 06:28 Uhr

Unionsfraktionschef Jens Spahn im Juli 2025 im Bundestag.

Unionsfraktionschef Jens Spahn im Juli 2025 im Bundestag.

Foto: Kay Nietfeld/dpa/Kay Nietfeld

Meinung | Düsseldorf · Zerrissen zu sein zwischen Grundsätzen und dem Leben – so beschrieb der Unionsfraktionschef seinen inneren Konflikt. Die christliche Tradition kennt dieses Dilemma gut. Doch es gibt auch den Unterschied zwischen echtem Ringen und bequemer Selbstentlastung.

Fast eine halbe Stunde hatte Jens Spahn schon gesprochen. Darüber, wie es seinem Sohn Georg gehe, den eine Leihmutter in den USA zur Welt gebracht hatte. Über Privates und Öffentliches. Über die Rechtslage. Dann, kurz vor Schluss des Podcasts mit dem „Bild“-Journalisten Paul Ronzheimer, kam die Frage nach der christlichen Seite des Ganzen.

Spahn, nach eigenen Worten „katholisch erzogen, Kindergarten, Grundschule, bischöfliches Gymnasium, katholische Jugendverbandsarbeit“, führte aus, der „Christenmensch“ in ihm wisse, „dass es auch im Glauben manchmal keine einfachen Antworten gibt“. Zugleich sei die CDU „keine Religionsgemeinschaft, wir sind ‘ne Partei“. Und weiter: „Das echte Leben heißt oft auch, zerrissen zu sein zwischen Grundsätzen, Überzeugungen, manchmal rigorosen, klaren Lehren und dem, was eben das Leben ist. Diese Zerrissenheit muss man, muss ich, muss auch ein Christ gelegentlich aushalten.“

Hohe Worte über letzte und vorletzte Dinge, eher stockend, fast zögerlich vorgetragen. Da sprach einer über das, was in der Politik gern das christliche Menschenbild genannt wird, und zwar sein christliches Menschenselbstbild. Die politische Dynamik der Sache ergab sich daraus, dass Spahns Partei, die CDU, erst im Februar mit einem Parteitagsbeschluss ihr Menschenbild bekräftigt hatte, wonach Leihmutterschaft „angesichts ethischer, rechtlicher und praktischer Bedenken“ verboten bleiben solle. Der Widerspruch war nicht aufzulösen; politisch war die Sache klar.

Wurstigkeit oder tiefer Konflikt?

Hier soll es um die Religion gehen. Man kann Spahn seine Sätze verschieden auslegen, und nur wenige Menschen werden die Wahrheit kennen. Einmal als Wurstigkeit: So ist es nun mal, reine Lehre und wahres Leben sind zwar Paar Schuhe, mir egal, ich hab‘ genug Geld, das Verbot zu umgehen. Das wäre mindestens kaltblütig – und würde in wahre Abgründe der Doppelmoral führen, wenn das eigene Christsein nur als Rechtfertigung dieser Wurstigkeit ins Feld geführt würde, als Instrument, wenn die Grübelei also nur Fassade wäre.

Oder aber wenn schon nicht als ein Blick in Spahns Seele (natürlich war auch dieser Podcast Inszenierung, schließlich kämpfte der Fraktionsvorsitzende da noch um sein Amt), so doch zumindest als Artikulation eines grundlegenden Konflikts nicht nur des Christenmenschen Spahn, sondern aller Christenmenschen: Niemand schafft es, alles richtig zu machen; dem Vollkommenen jagen wir hier auf Erden nur nach, ohne es je zu erreichen. Scheitern – an den eigenen und an fremden Ansprüchen – ist nicht nur einzukalkulieren, sondern im Gesamtpaket zwingend inbegriffen. Es ist aber nicht das letzte Wort.

In der Tat: Ohne Scheitern geht es für Christen nicht. Mehr noch: Versagen ist Teil der menschlichen Natur. Ein Gescheiterter steht am Anfang der Kirchengeschichte – als es hart auf hart kommt, in der Nacht auf Karfreitag, verleugnet kein Geringerer als Petrus seinen Herrn, und zwar gleich dreimal. Die Geschichte von Verrat und bitterer Reue vergisst keiner, der sie einmal gehört hat.

Zugleich Gerechter und Sünder

Und dann ist da Martin Luther. Wie der sündige Mensch vor Gott gerechtfertigt werden kann, wie das Verhältnis also wieder in Ordnung kommt, beschäftigt ihn sein ganzes Leben. Seine Antwort: nicht durch gute Werke, wie die Päpste lehren, sondern allein durch Gottes Gnade, unverdient, als Geschenk, trotz eigener Unwürdigkeit. Der Mensch ist für Luther „simul iustus et peccator“: zugleich Gerechter und Sünder.

Fast 500 Jahre dauert es, bis sich katholische und evangelische Kirche 1999 auf einen gemeinsamen Text zur Rechtfertigungslehre einigen: „Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen.“ Ob das nun ein später Sieg der evangelischen Theologie ist oder nur ein Triumph katholischer Spitzfindigkeit, darüber streiten die Gelehrten bis heute.

Bis an die Basis ist dieser Streit nur in Form von Religionsfolklore vorgedrungen, besonders im konfessionell tief gespaltenen Deutschland. Demnach kann der Katholik fröhlich drauflossündigen, während der Protestant in zerknirschter Askese über seine Sünden nachsinnt. Daraus sind in feinmechanischer Anwendung ganze soziologische Theoriegebäude entstanden, etwa bei Max Weber, in grobmotorischer Umsetzung Karnevalsschlager, etwa von Jürgen Becker: „Als Katholik, da kannste pfuschen, das eine is jewiss: Am Samstag gehste beichten, und fott is der janze Driss“, heißt es in „Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin“, denn die Evangelischen, die „ticken spack“. Etwas weniger plump fasst es der Evergreen der Zecher: „Ja, wenn wir alle Englein wären, dann wär‘ die Welt nur halb so schön.“

„... dann mache ich mir auch die Hände schmutzig“

Solcher Unernst wird der Sache aber natürlich nicht gerecht. Angemessen sachlich und zugleich klar hat das Dilemma des Christenmenschen zum Beispiel 2012 der damalige rheinische Präses Nikolaus Schneider zusammengefasst, in diesem Fall in der Debatte um Sterbehilfe: „Wenn ein Mensch intensiv darum bittet, dann mache ich mir nach der reinen Lehre auch die Hände schmutzig.“ Wenn es „Spitz auf Knopf“ stehe, „dann sind wir für die Menschen da und nicht für die Sauberkeit unserer Position“. Nächstenliebe gegen Dogma. Das ist ein Konflikt mit tragischen Zügen: Unbeschädigt kommt der Seelsorger aus ihm nicht heraus.

Auch Jens Spahn hat sich in diesem Sinne die Hände schmutzig gemacht. Dennoch wird man bei ihm eher nicht von Tragik sprechen wollen – zwar war der Konflikt zwischen Kinderwunsch, Gesetz und CDU-Beschlusslage unvermeidbar, er war aber durch Rücktritt vergleichsweise leicht aufzulösen. Jedenfalls aber hat die Causa Spahn eine Dimension jenseits der Tagespolitik.

Das war Freitag. Am Samstag trat Jens Spahn als Fraktionschef zurück. Wie sagte der Kanzler? „Richtig und unvermeidlich.“

Meistgelesen

Mehr zum Thema

Aktuell wichtig