Die gut „geerdete“ Vielreisende vermarktet Österreich international.
KURIER: Haben Sie sich wirklich schon als Jugendliche gewünscht, Chefin der Österreich Werbung zu sein?
Astrid Steharnig-Staudinger: Ich war immer schon eine Weltenbummlerin, und als ich im Unterricht über die Österreich Werbung erfuhr, sagte ich zum Professor: Eigentlich eine gute Verbindung, wenn ich das Heimatland vertreten darf. Geschafft!
Sie sind in einem Kärntner Gasthaus groß geworden. Was haben Sie da gelernt, was Sie jetzt noch brauchen können?
Mein Lebensmotto ist: „ohne Wurzeln keine Flügel“. Ich bin sehr dankbar, im Gasthaus groß geworden zu sein. Wir haben auch eine Landwirtschaft dabei, ich bin also sehr geerdet. Der Servicegedanke und die hohe Dienstleistungsorientiertheit, die Gastfreundschaft, aber auch die Anpassungsfähigkeit helfen mir jetzt sehr.
Hat bei der Mitarbeitersuche bei Ihnen jemand einen Bonus, der schon mal gekellnert hat?
Ja, durchaus!

Spürt der Tourismus die Nahost- und die Wirtschaftskrise?
Die Vorausschau zeigt einen stabilen Sommer. Der Mai war der beste aller Zeiten mit plus 12,9 Prozent. Aber natürlich spüren wir die Krise bei den Gästen aus arabischen Ländern und aus Israel: minus 45 Prozent von März bis Mai aus diesen Märkten. Das ließ sich Gott sei Dank gut ausbalancieren – und wird auch schnell wiederkommen, sobald Flugverbindungen funktionieren und sich die Lage wieder beruhigt. Österreich ist als stabiles, sicheres Reiseland sehr bekannt.
Wer kommt stattdessen?
Die CEE-Märkte (Ost-, Mitteleuropa; Anm.) steigen: Polen, Tschechien, Ungarn, Slowakei.
Wie erreicht man die Gen Z?
Junge Menschen wollen authentische Erlebnisse. Erreichbar sind sie hauptsächlich über Social-Media-Kanäle, wobei sie schnell merken, wenn etwas nicht echt und gekauft ist.
Die Österreich-Werbung setzt stark auf Kulinarik. Sind uns Frankreich und Italien nicht weit voraus?
Für Wiener Schnitzel und Sachertorte waren wir schon bekannt. Aber in den letzten zehn Jahren hat sich eine junge, kreative Küche entwickelt samt Winzerinnen und Winzern, die auch wieder Mut machen, in die Branche zu gehen. Mit dieser Modernisierung, aber auch der Sterneküche sprechen wir zum Beispiel amerikanische und asiatische Gäste an, die vermehrt kommen. Wir wollen Ganzjahrestourismus, da hilft die Kulinarik sehr.
Der Film „Sound of Music“ ist vor allem bei Amerikanern viel bekannter als in Österreich selbst. Sollten wir das nicht besser vermarkten?
„Sound of Music“ war ein Geschenk für uns. Voriges Jahr haben wir 60 Jahre gefeiert, ich war in den USA und habe erlebt, wie auch junge Menschen davon ergriffen sind. Das ist eine bewegende Geschichte. Ich selbst habe den Film erst sehr spät gesehen. Ich glaube, in Zeiten wie diesen könnte man ruhig mehr „Sound of Music“ vertragen. Wir sind mit der Trapp-Familie in Kontakt und haben gerade erst in der Trapp Lodge in Vermont (USA) eine Konferenz veranstaltet.
Zum ausführlichen "Salon Salomon" mit Astrid Steharnig-Staudinger
Ist es nicht altmodisch, dass an vielen touristischen Hotspots in Österreich am Sonntag die Läden geschlossen sind?
Die internationalen Gäste würden es begrüßen, wenn die Läden offen wären, aber das ist eine politische Frage.
Auch wenn es gerade heiß ist, ist es bei uns monatelang kühl: ein vermarktbarer Faktor?
Damit werben wir nicht, aber mit frischer Bergluft und Natur. Es entwickeln sich jetzt auch höher gelegene Regionen toll, für die früher der Sommertourismus wenig relevant war, weil im Mai dort vielleicht noch Schnee liegt. Das ist schon ein Trend.
Skifahren wird immer wieder totgesagt, aber man hat nicht das Gefühl, dass die Gäste in den Bergen weniger werden.
Wir brauchen den Wintersport wie einen Bissen Brot, weil die Wertschöpfung sehr hoch ist. Wir werben für Skinachwuchs auch bei Familien mit Migrationshintergrund, um ihnen zu sagen, dass das etwas Lässiges ist.

Gibt es noch das Jännerloch?
Mittlerweile nicht mehr, dafür merkt man ab März: Sobald die Sonne scheint, zieht es die Leute eher ans Meer. Darauf müssen wir genauer schauen.
Haben nicht etliche Regionen Aufholbedarf – Kärnten oder Gegenden wie der Attersee, wo die Gasthäuser sterben?
Einige Regionen haben sicher noch Luft nach oben, und Saisontourismus wird immer schwieriger. Doch Seen und Berge haben auf jeden Fall Zukunft.
Waren die Wirtsfamilien früher vielleicht zu mehr „Selbstausbeutung“ bereit? Oder fehlen einfach Mitarbeiter?
Also wir vier Töchter zuhause haben das gerne gemacht, und ich habe es nie als Selbstausbeutung erlebt. Die Bedingungen für Mitarbeiter haben sich sehr verbessert. Meine Praktika von damals wären heute nicht mehr zumutbar. Mittlerweile kann man Familie mitnehmen, die Unterkünfte sind besser, und keiner muss sieben Tage durcharbeiten.
Die Gewerkschaft beklagt noch immer niedrige Löhne.
In den letzten drei Jahren sind die Gehälter gestiegen. Wir sind auf einem guten Level.
Mitarbeiter sind trotzdem schwierig zu finden.
Wir motivieren die Jugend, Tourismusschulen zu besuchen und zeigen ihnen, wie schön die Branche sein kann. Dennoch wird Österreich ausländische Arbeitskräfte brauchen. Bei mir daheim sind wir aber wirklich noch ein Familienbetrieb – mit Cousine und Schwester.
Packen Sie auch selbst an?
Ja, sehr gerne sogar, obwohl ich die ungeduldigste unter uns vier Schwestern bin. Ich fahre mit meinen Kindern oft am Wochenende heim. Österreich hat viele Familienbetriebe – das wird übrigens von den Gästen sehr geschätzt.
Ein Hoteldirektor in Singapur sagte mir einmal, dass Österreichs größte Chance sei, ein Museum zu sein, man daher einen Glassturz über die historische City stülpen und nichts verändern sollte.
Historische Substanz ist wichtig, aber nicht als Museum, sondern als Bühne. Wir haben sehr viel zu bieten. Wien ist natürlich Musikwelthauptstadt, aber wir haben auch moderne Kunst und tolle junge Festivals. Ich war gerade beim großartigen Woodstock der Blasmusik. Das hört sich so volkstümlich an, ist aber weit mehr!
Wien ist bekannt für Schmäh und Gemütlichkeit, aber ist es nicht in Wahrheit manchmal Grant und Schlamperei?
Solange die Servicequalität stimmt und es nicht unfreundlich wird, ist alles fein. Natürlich ist es eine Gratwanderung.
Wohin fahren Sie heuer auf Urlaub?
Nach Kroatien segeln. In Österreich kann ich die Arbeit nicht so leicht ablegen, wobei ich in Neuberg an der Mürz in der Steiermark gerade einen Kurs in Fliegenfischen absolviert habe. Die Ruhe, der Fokus und das klare Wasser sind faszinierend.
kurier.at
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25.07.2026, 18:00