„Wenn du keine Höhenangst hast, wird es schon gehen“, sagt Archibald Black. Der Mittsechziger steht in der färingischen Nationalkleidung aus Jeans und Outdoorjacke mit wetterfesten Schuhen in Klaksvík auf den Färöern in einem Haus, das er selbst gebaut hat, sechs Jahre lang, ohne einen einzigen Nagel. Es ist jenem nachempfunden, das am Ende des 18. Jahrhunderts hier gestanden haben soll und dem färingischen Nationalhelden Nólsoyar Páll gehört hat. „Je nach Sicht war er mehr Robin Hood oder Schurke“, sagt Black, Nachfahre ebenjenes Menschen in sechster Generation. Páll hat 1804 das erste färingische Schiff für Atlantikfahrten selbst gebaut. „Die damaligen Banken wollten ihm kein Geld leihen, um eins zu kaufen.“
Er brachte die Pockenimpfung auf die Inseln, in dem er auf der Rückreise von England seine Besatzung nacheinander selbst impfte. Da es damals keine Kühlung gab, wurde der Impfstoff so lebendig ans Ziel gebracht. Auf den Färöern angekommen, impfte er die gesamte Bevölkerung. Er starb vermutlich in einem Sturm, als er Getreide über den Atlantik transportierte, das seine Landsleute vor einer Hungersnot hätte bewahren sollen. Ein Held wie aus dem Märchen.
„Es ist nur Wind“
Das Nólsoyar-Páll-Haus ist heute ein kleines Museum, in dem Black die Geschichten und Legenden um Páll erzählt. Draußen weht ein ordentlicher Wind, es ist das, was man eine steife Brise nennt, noch kein Sturm, aber kurz davor. Mein Weg soll mich im Anschluss an die Hausführung über die ehemaligen Wiesen von ebendiesem Páll führen, über den Pass Áarskarð hinüber in die nächste Bucht nach Árnafjørður. „Es ist nur Wind“, sagt Black, der sein ganzes Leben in der Region verbracht hat, „immerhin regnet es nicht.“

Die Färöer liegen im Nordatlantik auf halbem Weg zwischen Schottland und Island. Die meisten Täler und Fjorde erstrecken sich in südöstlich-nordwestlicher Richtung, der Wind weht meist aus dem Südwesten. Die Hänge und Grate brechen den Wind, die Dörfer im Talinneren, die Buchten, Häfen und Fjorde sind gut geschützt, aber vor allem an der Westküste kann man sehen, was passiert, wenn der Stein den Gewalten ausgesetzt ist: steile Abbruchkanten, wie am Kap Enniberg auf der Insel Viðoy, die sich bis zu 754 Meter senkrecht aus dem Meer erheben. Heute sind die Inseln mit Tunneln verbunden. Aber bevor es die gab, mussten die Menschen über die Berge, um von Dorf zu Dorf zu kommen, und diese alten Pfade sind heute ausgewiesene Wanderwege. Drei Tage lang will ich sie begehen.
Wasser, Wasser und nochmals Wasser
Der Wind treibt mich den Hang hinauf, durch die grüne baumlose Landschaft, hätte ich einen Regenschirm, könnte ich damit fliegen. Alles flattert: die Haare, das Gras, sogar das Wasser der Wasserfälle. Der Grund ist torfig und voller Rinnsale, die man erst bemerkt, wenn man bereits drin steht. Dieses Stück Land ist nicht nur überall von Wasser umgeben, Wasser quellt und sprudelt auch aus allen nur erdenklichen Ritzen. Mit jedem Meter Höhe lässt der Wind etwas nach, was nichts mit der Höhe zu tun hat, nur damit, dass der Pass hinter einem Grat liegt, der den Wind erst ablenkt, dann abhält.
Glänzende Landschaften: Die Färöer sind unterirdisch miteinander verbunden.Pia VolkAm höchsten Punkt des Weges ist es windstill. Es ist, als habe man eine unsichtbare Grenze überschritten, in dem eine Königin der Ruhe regiert. In der Ferne sieht man ihre böse Zwillingsschwester, die Windsbraut, wüten, so stark bläst sie in die Wasserfälle, es sieht aus, als würden sie rückwärts fließen. Nach drei Stunden stehe ich am Fuße eines solchen Wasserfalls, fast wieder auf Meereshöhe. Davor eine Straße, die vor versiegelten Tunneln endet. Darauf ein parkendes Auto. Darin ein Mann. „Ich bin gestrandet, der Flugverkehr wurde eingestellt“, erzählt er. „Zu windig.“ Auf seinem Handy das Video eines Flugzeugs, das scheinbar aus den bodentiefen Wolken fällt. Seine Räder berühren fast die Landebahn, dann zieht es wieder hoch und verschwindet. „Das wäre meins gewesen. Eigentlich hatte ich hier nur zwei Tage Zwischenstopp geplant.“
Was Touristen auf den Färöern vereint, ist die kurze Zeit, die sie ihnen widmen. 2024 blieben internationale Reisende durchschnittlich zwischen 2,5 und vier Tagen, die meisten von ihnen sind Amerikaner. Für sie sind die Inseln ein kurzer Stopover auf dem Weg zwischen den USA und Europa, eine Art natürlicher Transitbereich zwischen den Kontinenten. Und das, obwohl 18 Eilande zu ihnen gehören, 17 davon bewohnt, verbunden durch 22 Tunnel. Der längste ist elf Kilometer lang und hat einen unterseeischen Kreisverkehr, der so beleuchtet ist, dass man sich dort fühlt, als wäre man irgendwo zwischen Octopus’s Garden und Arielles Haus. An seiner tiefsten Stelle liegt er 189 Meter unter der Wasseroberfläche.
„Wenn sie abends nicht zurück sind, senden wir eine Suchmannschaft aus“
Fugloy ist eine der Inseln, auf die man nur mit der Fähre kommt, 45 Minuten dauert die Fahrt durch den Fjord, vorbei an Svínoy, einem weiteren Fels in der Brandung, auf dem Menschen ihre Sommerhäuser haben, rüber nach Hattarvík auf Fugloy. Von dort kann man einmal über die Insel bis Kirkja spazieren, um die Fähre zurückzunehmen. Theoretisch zumindest. „Oh, wir legen heute nicht in Hattarvík an“, sagt der Mann, der die Fahrkarten verkauft. Man kauft sie erst auf dem Schiff, während des Boardings ist die Crew mit dem Verladen von allerlei Kram beschäftigt, riesige Kisten wurden mit Hebekränen auf die Ladefläche gehievt, Kleinwagen waren auch schon dabei.„Hattarvík ist zu weit draußen.“
Steine, soweit das Auge blickt – im Nebel.Pia VolkHattarvík ist dem offenen Ozean zugewandt, wo der Wind noch wilder wütet. „Steigen Sie doch in Kirkja aus“, schlägt er vor, während wir den Fjord entlangsegeln, vorbei an verstreuten roten Holzhäusern, winzigen Kirchen, den runden Gehegen von Lachsfarmen. Die Wolken hängen tief, verfangen sich in den Höhenplateaus der Berge. Auf dem Schiff tummeln sich erstaunlich viele Hunde, denen der Wind um die Nase bläst und das Fell bürstet. Es sind Hütehunde, die zu neuen Schafherden und Höfe gebracht werden sollen. Die ersten steigen in Svínoy aus, in Kirkja dann zerschellen die Wogen am Gestein, das den kleinen Anleger umgibt. Auf dessen Treppen sitzen einige Menschen mit Koffern und Rucksäcken. Sie beobachten, wie sich das Schiff Stück um Stück nähert, niemand rührt sich, die Gischt der Wellen schäumt meterhoch. Dann winkt der Kapitän, bricht das Manöver ab. Von der Insel winken sie zurück, niemand scheint angenommen zu haben, dass sie von der Insel heute noch wegkommen. Heute also nicht wandern.
Drei Wetter-Apps, drei unterschiedliche Prognosen, so sieht es an Tag drei meines Wanderexperiments aus. An der Hotelrezeption halten sie das für den Normalfall. „Mittelwert nehmen und gute Kleidung anziehen. Wenn sie heute Abend nicht zurück sind, senden wir eine Suchmannschaft aus“, sagt die junge Frau hinter der Empfangstheke. Immerhin heute kein Wind.
Saksun liegt in einem Tal, das man allein schon deshalb märchenhaft nennen darf, weil der Fluss neben der Straße erst in die eine, dann in die andere Richtung fließt. Ganz gleich, in welche Richtung er fließt, an beiden Enden mündet er in den Atlantik. Es ist nicht mal ersichtlich, ob es ein und derselbe Fluss ist, der von einer Unzahl von Wasserfällen genährt wird, die das Grün der Hänge zerfurchen. Die Fakten sind: Elf Kilometer schönstes Trogtal, die U-Form so wunderbar ausgeformt, es wäre es der Traum eines jeden Geographen; ein Wasserlauf, am Ende eine geschützte Bucht, wo das Meer das Gestein derart ausgehöhlt hat, dass nur ein schmaler Weg hineinführt. Vor dieser Bucht ein Hof und eine Kirche und oberhalb davon ein ausgetretener Pfad den Berg hinauf. Darauf: nichts und niemand. Darüber Wolken.
Gefangen in einer Endlosschleife aus Nebeln und Torf
Kaum liegt der erste Wasserfall nach einem halben Kilometer hinter mir, beginnt es zu nieseln. Die Wolken und ich, wir bewegen uns aufeinander zu, sie senken sich ab, ich laufe in sie hinein. Wie Nebel bedecken sie die gelbe torfige Landschaft des Plateaus. Der Boden saugt sich voll, entzieht dem Nebel, den Wolken die Feuchtigkeit, noch bevor er als Regen fällt, aber nur anfangs, dann kommt er doch noch, der Regen und auch der Wind.
Ich blicke durch den Regenschleier, sehe einen Grat, denke, das muss er sein, der höchste Punkt, bevor es auf der anderen Seite wieder bergab geht, der Wind nachlässt, ich in den Regenschatten komme. Aber der Grat stellt sich nur als Schwelle zum nächsten Plateau vor, genauso gelblich leuchtend, torfig, genauso durchzogen von Wasserläufen. Genauso einsam. Es wartet der nächste Grat, das nächste Plateau, bis ich die Hoffnung aufgebe, dass so etwas wie ein höchster Punkt überhaupt existiert. Ich bin gefangen in einer Endlosschleife aus Nebeln und Torf.
Als Wegweiser dienen große Steinhaufen, so hoch wie ich selbst. Ich kauere hinter einem von ihnen, höre das Klopfen der Regentropfen, das Pfeifen des Windes, sehe die mystisch-schimmernde Landschaft, denke: Das hier ist der Teil von Alice im Wunderland, der nie erzählt wird. Dann tauchen aus dem Nebel zwei Frauen auf, echte Menschen wie ich selbst, hoffe ich: „Wir wollten zu diesem verlassenen Haus, von dem uns jemand erzählt hat.“
Ob sie sicher seien, dass das überhaupt existiere, sie nicken eifrig und ziehen weiter in die entgegengesetzte Richtung von mir, verblassen zu Schatten. Mit ihnen verschwindet auch der Regen, der Nebel, der Grat taucht vor mir auf, es geht nur noch hinab, durch Rinnsale über Wasserfälle und Wasserläufe. Am Fuß des Berges liegt eine Bucht mit schwarzem Sandstrand, die Sonne strahlt, der Himmel leuchtet blau. Einige Surfer in Neoprenanzügen reiten die Wellen. Ich bin nicht weniger nass als sie. Nur bin ich einmal durch die Wolken spaziert.
Anreise Die Färöer haben eine eigene Airline: Atlantic Airways. Sie fliegt von Kopenhagen und Edinburgh nach Vágar. Hin- und Rückflüge ab dort kosten rund 160 Euro. Nach Kopenhagen und Edinburgh kann man mit Easyjet oder Ryan Air recht günstig fliegen.
Wandern Die Tourismusbehörde der Färöer hat einen hervorragenden Wanderführer herausgebracht. Hier kostenlos downzuloaden.