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Russland zerstört HIV-Prävention der Ukraine – „Angriff auf 300.000 Ukrainer“

Stand: 23.07.2026, 14:01 Uhr

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Eine russische Rakete trifft nahe Kiew ein Lager mit HIV-Präventionsmitteln. 62 Millionen Artikel für das nächste Jahr sind zerstört – gedacht für mehr als 300.000 Menschen.

Kiew – Eine russische Rakete hat in der Ukraine HIV-Präventionsmittel im Wert von 2,3 Millionen Euro zerstört. Das teilte die internationale Hilfsorganisation Alliance for Public Health mit. Der Angriff in der Nacht zum Sonntag nahe Kiew traf ein Lager, in dem 62 Millionen Präventionsartikel für die ukrainischen Schadensminderungsprogramme des kommenden Jahres lagerten. Dazu zählen Spritzen, Nadeln, Alkoholtupfer und Kondome – Vorräte, die mehr als 300.000 Menschen unterstützen sollten.

Feuerwehrleute löschen einen Brand, der durch einen russischen Luftangriff ausgelöst wurde

Immer wieder greift Russland auch zivile oder humanitäre Ziele in der Ukraine an (Archivfoto) © picture alliance/dpa/Ukrainian Emergency Service via AP | Uncredited

Andriy Klepikov, geschäftsführender Direktor der Alliance for Public Health, ordnet den Treffer klar ein: „Das ist nicht einfach ein weiterer Angriff. Es ist ein Angriff auf 300.000 Ukrainer, die von HIV-Präventionsdiensten abhängen, und auf ihr Grundrecht auf Gesundheit.“

Warum die Vorräte in der Ukraine über Leben entscheiden

Die Eindämmung von HIV hängt in der Ukraine wesentlich an Programmen der Schadensminderung. Sie versorgen Menschen, die Drogen injizieren, mit sterilen Spritzen und Nadeln. Kondome und weitere Mittel sollen zugleich die sexuelle Übertragung bremsen. Genau dieser Nachschub für 2027 verbrannte in dem getroffenen Lager.

Und doch fällt die Versorgung auch im Ukraine-Krieg nicht sofort aus. Klepikov zufolge hatte seine Organisation die Vorräte für den Rest des Jahres bereits vor mehreren Wochen aus dem zentralen Lager in regionale Verteilzentren gebracht – als Teil der Notfallplanung. „Russland ist gescheitert“, sagte er. Die Alliance habe internationale Partner informiert und dringend um Unterstützung gebeten, um den Bestand für das nächste Jahr wieder aufzubauen.

Ukraine hat eine der höchsten HIV-Raten Europas

Die Ukraine trägt seit Langem eine der höchsten HIV-Lasten Europas. Rund 240.000 Menschen leben dort mit HIV, knapp 119.000 Patientinnen und Patienten erhalten laut UNAIDS eine antiretrovirale Therapie (ART). Die HIV-Bekämpfung des Landes steht unter wachsendem finanziellen Druck. UNAIDS warnte im vergangenen Jahr vor einer Finanzierungslücke von 1,9 Millionen Dollar für die Beschaffung von 30.000 dreimonatigen ART-Kursen, die zur Fortführung der Behandlung nötig sind – nachdem die Trump-Regierung US-Auslandshilfen eingefroren hatte.

Die ukrainische HIV-Epidemie eskalierte in den 1990er Jahren. Nach dem Zerfall der Sowjetunion im Dezember 1991 lösten wirtschaftliche Instabilität und weitverbreitete Armut einen dramatischen Anstieg des intravenösen Drogenkonsums aus; geteilte Nadeln führten zu einer raschen Zunahme der Virusübertragungen. Zwischen 2010 und 2021 machte die Ukraine jedoch enorme Fortschritte: Die Zahl der HIV-Neuinfektionen sank um fast 60 Prozent, die Zahl der aidsbedingten Todesfälle um 70 Prozent – dank ausgebauter Schadensminderungsprogramme wie Nadelaustausch.

Ukraine-Krieg lässt das Gesundheitssystem zusammenbrechen

Russlands großangelegte Invasion vom Februar 2022 hat das öffentliche Gesundheitssystem der Ukraine schwer gestört. 2022 entfielen über zehn Prozent der HIV-Neudiagnosen in der EU auf vertriebene Ukrainerinnen und Ukrainer, die eine Weiterbehandlung suchten. In den russisch besetzten Gebieten im Osten und Süden wurden Datenerhebung, Schadensminderungsprogramme und Testangebote eingeschränkt oder ganz verboten.

Russland kämpft mit einer eigenen schweren HIV-Epidemie, die Fachleuten zufolge durch den Krieg verschärft wurde. Im ersten Kriegsjahr stieg die erfasste HIV-Inzidenz unter Militärangehörigen laut Angaben des russischen Verteidigungsministeriums um mehr als das 40-Fache.

Im vergangenen Jahr berichteten ukrainische Militärquellen dem Telegraph, Russland habe Einheiten aus Soldaten mit HIV und anderen ansteckenden Krankheiten gebildet und an die Front rund um Pokrowsk verlegt, einen wichtigen Logistikknoten im Osten der Ukraine. Zuvor hatte es bereits Berichte gegeben, wonach die Söldnergruppe Wagner 2022 Häftlinge mit HIV und Hepatitis für Fronteinsätze rekrutierte – der Zugang zu antiretroviraler Therapie (ART) wurde dabei als Anreiz für Rekruten angeboten.

Infizierte russische Soldaten verbreiten HIV

Dass ein zerstörtes Lager nicht nur ein logistischer Schaden ist, zeigt der Blick in die besetzten Regionen. Fachleute fürchten dort eine stille Epidemie: In Luhansk brachen die HIV-Testungen gegenüber 2021 um 98 Prozent ein. „Im Moment wissen wir nicht, was in den besetzten Gebieten mit HIV passiert. Ich bin sehr besorgt“, sagte Valeriia Rachynska, eine Direktorin der ukrainischen HIV-Organisation 100%Life.

Der Osten der Ukraine war schon vor dem Krieg die Region mit der höchsten HIV-Last des Landes. Befeuert werde die Epidemie dort laut Rachynska durch Vergewaltigungen von Ukrainerinnen und Ukrainern durch infizierte russische Soldaten, durch „erzwungene Sexarbeit zum Überleben“, durch steigenden Drogenkonsum in der Zivilbevölkerung und durch fehlenden Zugang zu antiretroviralen Medikamenten. Auf Basis der Infektionsraten gefangener Soldaten schätzen ukrainische Behörden, dass 20 Prozent dieser Soldaten HIV-positiv sind. (Quellen: The Telegraph, National Library of Medicine, European AIDS Treatment Group) (cel)